Bis dass der Tod uns scheidet

Sterbegeldpolicen versprechen Rundum-sorglos-Pakete für die Beerdigung. Verbraucherschützer warnen vor hohen Kosten

VON Anja Krüger Der Harley-Davidson-Fan wollte eine standesgemäße Beerdigung. Er bekam sie: Das geliebte Motorrad stand neben seinem Sarg, statt des klassischen Requiems auf der Orgel gab es Rockmusik vom Band. Der Mann hatte zu Lebzeiten seine Beerdigung geplant und für die Finanzierung gesorgt. So wie er schließen immer mehr Leute eine Sterbegeldversicherung ab. Ältere wollen damit verhindern, dass die Angehörigen auf den Beerdigungskosten sitzen bleiben, jüngere möchten die Art ihrer Bestattung selbst bestimmen. Verbraucherschützer stehen den Versicherungsverträgen aber sehr skeptisch gegenüber.

Bis 2004 bekamen Angehörige von gesetzlich Krankenversicherten nach deren Tod von der Kasse das sogenannte Sterbegeld. Seit das abgeschafft ist, boomen die Sterbegeldpolicen der Versicherer. Bei diesen Verträgen zahlt der Kunde lebenslang oder bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine festgelegte Prämie, nach seinem Tod erhalten die Angehörigen oder ein Bestattungsunternehmen die vereinbarte Summe.

Anbieter wie die Berliner Ideal oder KarstadtQuelle Versicherungen, eine Tochter des Rückversicherers Münchener Rück, haben sich auf die Zielgruppe Senioren spezialisiert und verzeichnen satte Zuwächse. Die Ideal setzte alleine 2006 rund 73 000 Policen ab, für 2007 gibt es noch keine Zahlen. KarstadtQuelle verkaufte 2007 gemeinsam mit der Neckermann Versicherung rund 389 000 Verträge. Bei der Hamburg-Mannheimer ist fast jede vierte neu verkaufte Lebensversicherung eine Sterbegeldpolice.

Verbraucherschützer raufen sich angesichts solcher Zahlen die Haare. Sie halten die Policen für ein Renditegrab. Das Problem: Wird der Kunde sehr alt, zahlt er möglicherweise weitaus mehr ein, als die Versicherung nach seinem Tod ausschüttet. „Es ist möglich, dass bei bestimmten Konstellationen eine Überzahlung eintritt, man also mehr eingezahlt hat, als man herausbekommt“, räumt eine Sprecherin von KarstadtQuelleVersicherungen ein. „Es kann aber auch umgekehrt sein.“ Schließt ein 65-Jähriger für 20 Euro im Monat eine Sterbegeldversicherung ab und stirbt mit 70, zahlt er weniger als der Versicherer. Wird der Kunde 92 Jahre alt, ist es umgekehrt. In der Regel zahlen die Anbieter erst nach einer Frist die volle Versicherungssumme, die Ideal nach anderthalb Jahren, KarstadtQuelle Versicherungen erst nach drei Jahren. „Wir wollen vermeiden, dass sich Sterbenskranke absichern“, so die Sprecherin von KarstadtQuelle Versicherungen.

Der Bund der Versicherten rät Kunden, das Geld lieber zu sparen und – bis der Betrag in Höhe der durchschnittlichen Beerdigungskosten in Höhe von 5000 Euro zusammen ist – eine Risikolebensversicherung abzuschließen. Verbraucherschützer kritisieren, dass die Verträge nichts anderes als eine Kapitallebensversicherung mit schwacher Rendite sind.

Doch diese Sichtweise ist zu schlicht, sagen Vertreter der Assekuranz. „Die Sterbegeldversicherung ist eine Risikolebensversicherung für ältere Leute“, sagt Peter Schwark, Leiter der Abteilung Lebensversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Verträge seien zwar technisch eine Kapitallebensversicherung, aber es gehe nicht um den Vermögensaufbau. „Hier geht es um die Risikoabsicherung, das ist nicht mit den gleichen Maßstäben zu messen wie eine Kapitalanlage“, sagt Schwark.

Dieses Argument lässt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz nicht gelten. „Bei einer Versicherung ist der Eintritt des Versicherungsfalls nicht sicher“, sagt er. „Bei einer Sterbegeldversicherung tritt der Versicherungsfall aber zu 100 Prozent ein.“ Aus finanzieller Sicht sind die Verträge seiner Auffassung nach eine schlechte Investition. Wem es in erster Linie ums Geld geht, der sollte zu Alternativen greifen – in hohem Alter etwa zu Bundesschatzbriefen, in jungen Jahren zu einer Risikolebensversicherung.

Aber nicht jedem Kunden geht es ausschließlich ums Geld. Für Menschen mit einem großen Bedürfnis nach Kontrolle über den Tod kann selbst nach Ansicht des Verbraucherschützers der Abschluss eines solchen Vertrags sinnvoll sein. „Es gibt Menschen, die möchten genau wissen, wie ihre Beerdigung aussehen soll, oder für die es das Schlimmste ist, in ein Sozialgrab zu kommen“, sagt Wortberg.

Die Versicherer bieten eine ganze Reihe von Serviceleistungen an, etwa Rechtsberatung und Informationspakete mit Checklisten, Vollmachten und Adressen von Bestattern in der Region. Die Ideal verkauft über das Tochterunternehmen Ahorn Leistungspakete inklusive Beerdigung und Grabpflege. Auf Wunsch können Kunden die postmortale Pressung zum Diamanten für rund 10 000 Euro verfügen, der Stein wird an Hinterbliebene ausgehändigt. Auch beim Versicherer Nürnberger können Kunden ganze Pakete abschließen. Die schlichte Erd-, Feuer- oder Seebestattung ohne Trauerfeier gibt es für 2500 Euro, den Designersarg und die gehobene Trauerfeier für 5800 Euro.

Interessierte können sich auch direkt an einen Bestatter wenden und die Modalitäten für ihre Beerdigung klären. Das erforderliche Geld fließt dann zum Beispiel auf ein Treuhand- oder Sperrkonto. Damit im Ernstfall ihr Wunsch auch Wirklichkeit wird, erhalten die Kunden eine Karte mit den Kontaktdaten für das Beerdigungsinstitut.

Doch solche Karten können verloren gehen, oder Helfer ignorieren sie. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten Angehörige oder Freunde deshalb über die Wünsche informiert werden. „Sonst kann es passieren, dass die Hinterbliebenen erst beim Ausräumen der Wohnung den Vertrag finden“, sagt Wortberg. „Dann ist der Verstorbene meistens schon unter der Erde.“

Bild(er):

Die Sterbegeldversicherung erfüllt viele Wünsche, Arnold Schwarzenegger als Bestatter gehört aber nicht zum Angebot – Hipp-Foto

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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