Private rüsten sich für Wechselwelle

Krankenversicherer auf Kundenjagd · Kassen glauben an Zusammenwachsen der Systeme · FTD-Konferenz

Von Ilse Schlingensiepen, Düsseldorf Mehrere private Krankenversicherer (PKV) rechnen im kommenden Jahr mit einem kräftigen Schub für ihr Geschäft durch die neuen Wechselmöglichkeiten innerhalb der Branche. „Bei uns werden es schon einige Zehntausend Vollversicherte mehr sein“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Central Krankenversicherung, Joachim von Rieth, auf der FTD-Konferenz „Neuer Markt Krankenversicherung“. Von Rieth glaubt, dass sich die Zahl der Kunden, die zwischen PKV-Anbietern wechseln, 2009 verdoppeln oder verdreifachen wird. „Es wird hoch hergehen im Markt“, sagte er.

Die Gesundheitsreform hat für privat Krankenversicherte die Möglichkeiten verbessert, zu einem anderen Anbieter zu gehen. Bislang müssen Kunden bei einem solchen Schritt ihre angesparten Alterungsrückstellungen beim alten Unternehmen lassen. Ab 1. Januar 2009 können sie diese zumindest teilweise mitnehmen. Für neue Kunden gilt diese Regelung künftig immer, wer bereits privat versichert ist, kann nur im ersten Halbjahr 2009 davon Gebrauch machen.

Gekoppelt ist die Wechselmöglichkeit an den Basistarif, den die Versicherer ab Anfang 2009 anbieten müssen. Er entspricht dem Leistungsniveau der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und ist in den Beiträgen gedeckelt. Die Branche darüber, ob der Basistarif als Vehikel genutzt werden kann, um Kunden abzuwerben, und dann in einem höherwertigen Tarif weiter zu versichern.

Die Central Kranken gehört zu den Unternehmen, die diese Möglichkeit schon jetzt über einen so genannten Optionstarif aktiv bewerben, der PKV-Verband sucht noch nach einer Lösung, um das zu verhindern. „Wir gehen davon aus, dass der Gesetzgeber wollte, dass die Kunden einmalig wechseln können, und zwar in einen anständigen Tarif“, sagte von Rieth. Kunden, für die ein Wechsel in Frage komme, müsse man ein faires Angebot machen können.

Auch die HUK-Coburg habe schon seit einigen Monaten ein vergleichbares Angebot, sagte Vorstand Christian Hofer. Der Großteil der PKV-Kunden habe aber gar kein Interesse an einem Wechsel, glaubt er. Der Marktzweite DKV hofft auf eine Branchenlösung, die eine große Wechselschlachten verhindert, trifft aber gleichzeitig Vorkehrungen für den Fall, dass es nicht gelingt. „Wir werden als alter Versicherer erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um nicht zu den Verlierern zu zählen“, sagte Vorstand Jürgen Lang. Sollten viele Unternehmen Optionstarife anbieten, werde sich die DKV dem nicht entziehen können.

Die neuen Wechselmöglichkeiten werden in die PKV-Tarife einkalkuliert. Dadurch werden die Prämien im Durchschnitt um fünf bis zehn Prozent steigen, erwartet der Vorstandsvorsitzende der Barmenia Josef Beutelmann. „Wir müssen versuchen, noch in diesem Jahr möglichst viel Geschäft unter den alten Beitragsbedingungen zu schreiben“, sagte er. Die Branche müsse sich darauf konzentrieren, Kunden zu gewinnen, die jetzt noch freiwillig in der GKV versichert sind. Hier liege das wirkliche Potenzial für die PKV, sagte Beutelmann. „Der Basistarif ist keine Lösung für uns.“

Ralf Sjuts, Vorstandschef der größten Betriebskrankenkasse Deutsche BKK rechnet damit, dass gesetzliche und private Krankenversicherer den Markt schon bald zusammen bearbeiten werden. „In drei bis fünf Jahren werden wir die ersten gemeinsamen Betriebsorganisationen von GKV und PKV haben“, sagte Sjuts. Die Annäherung zwischen den beiden Systemen sei gesetzlich gewollt und auch machbar – wie die Kooperationen zwischen Krankenkassen und PKV-Unternehmen bei den Zusatzversicherungen zeigten. „Wir brauchen den Unterschied zwischen GKV und PKV nicht“, sagte er. Für die Kunden spiele er ohnehin keine Rolle, ihnen komme es auf den richtigen Versicherungsschutz an.

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Von links: Josef Beutelmann, Barmenia, Matthias Graf von der Schulenburg, Universität Hannover, Ralf Sjuts, Deutsche BKK – Jardai/modusphoto.com

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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