Siemens versichert elektronisch

Neues System sorgt für Transparenz bei Deckungen · Interview mit Stefan Sigulla

Von Herbert Fromme, München Siemens zieht ein positives Fazit seines selbst entwickelten und bislang einzigartigen Internetsystems, mit dem der Konzern schwere Industrierisiken versichert. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir die besseren Preise erzielen, wenn wir ganz offen spielen“, sagte Stefan Sigulla, Managing Director Insurance bei der Konzerntochter Siemens Financial Services (SFS), der FTD. Sigulla soll morgen zum Vorsitzenden des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS) gewählt werden. Der Verband vertritt die Interessen der Industrie in Versicherungsfragen.

Der Siemens-Konzern gehört weltweit zu den größten Kunden der Assekuranz. Mehr als 800 Werke, Lager und Büros in 190 Ländern werden versichert. Die Kosten veröffentlicht Siemens nicht. Marktschätzungen gehen von mehr als 200 Mio. Euro Prämie pro Jahr aus.

Mit dem schrittweise über drei Jahre eingeführten System hat der Konzern eine grundlegende Änderung durchsetzen können. „Statt mit den alten Versicherungskonsortien, bei denen alle Mitglieder denselben Preis erhielten, können wir mit unterschiedlichen Preisen verschiedener Teilanbieter für das selbe Risiko arbeiten“, sagte Sigulla. Damit trägt Siemens unbeabsichtigt Bedenken der EU-Kommission Rechnung, die das Einheitspreissystem kritisch betrachtet.

„Wir haben Anleihen bei unseren Finanzkollegen genommen, die viel mit Investoren reden“, sagte Sigulla. Vor Beginn der jährlichen Vertragsverhandlungen spreche SFS in Roadshows mit Anbietern in München, New York, Bermuda und Hongkong. „Dort berichten wir ihnen, was wir vorhaben, und geben auch manchmal Preisvorstellungen, also die oberen Preisgrenzen.“ Versicherer, die eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen, haben danach Zugang zu dem Internetversicherungssystem des Unternehmens.

Hinterlegt sind dort alle Policen – auf Englisch und von Siemens vorgegeben – sowie die Berichte von Ingenieuren über Werke und Lager. Hinzu kommen die versicherten Summen und die Stufen (Layer), in denen sie abgesichert werden – etwa das Feuerrisiko in einem Werk in den USA bis zu einem Betrag von 200 Mio. Euro, von 200 Mio. Euro bis 500 Mio. Euro oder darüber. Die risikoträchtigsten unteren Layer werden zum Großteil vom führenden Siemens-Versicherer Zurich Financial Services gedeckt. Die höheren Layer teilen sich 10 oder 15 Gesellschaften. In einem Onlineforum können Versicherer Fragen stellen, die Siemens dort für alle potenziellen Anbieter öffentlich beantwortet.

Die eigentlichen Angebote müssen die Gesellschaften bisher noch per Fax einreichen, sagte Robert Spitz, Chef der zuständigen Abteilung Global Lines. „Das ist aus rechtlichen Gründen so, weil wir zwei Unterschriften unter dem Angebot brauchen.“ An einem vollelektronischen bindenden Angebot arbeite SFS noch. Aus den Angeboten wählt Siemens aus.“Es handelt sich fast um eine Auktion“, sagte Sigulla. Allerdings gingen auch „weiche Faktoren“ wie das Anbieterrating in die Entscheidung ein.

Zitat:

„Es handelt sich fast um eine Auktion“ – Stefan Sigulla, Siemens Financial Services –

www.ftd.de/siemens

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Der Konzern als Vorreiter

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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