Wenn Firmen knapp bei Kasse sind

Die Banken werden im Zuge der Finanzkrise knauseriger, Unternehmen droht Geldmangel. Geschäftspartner sind zunehmend vom Bankrott bedroht

VON Friederike Krieger Mit so einem Insolvenzantrag hat es das Amtsgericht Bremerhaven nicht alle Tage zu tun. Anfang April meldete sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bei dem Gericht und teilte mit, dass die örtliche Weserbank überschuldet sei. Mit rund 25 Mio. Euro steht die kleine Privatbank bei ihren Kunden in der Kreide. Die BaFin glaubt, dass ein missglückter Ausflug ins Investmentbanking-Geschäft dem Geldinstitut das Genick gebrochen hat. Weserbank-Chef Gerold Lehmann hat indes einen anderen Schuldigen ausgemacht: die Kreditkrise.

Unabhängig davon, welche Version stimmt – der Sturm an den Finanzmärkten wird die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland beeinflussen, glaubt Rudolf Servatius, Bereichsleiter Kreditversicherung bei der R+V. Mit den Policen der Kreditversicherer können sich die Firmen gegen das Risiko schützen, dass ein Geschäftspartner pleitegeht. Da mit der Zahl der Insolvenzen auch die Schäden steigen, beobachtet die Branche die wirtschaftliche Lage sehr genau.

Seit dem Jahr 2003, als die Verlierer der New Economy die Segel strichen und fast 40 000 Unternehmenspleiten zu verzeichnen waren, sanken die Insolvenzzahlen kontinuierlich. 2007 meldeten laut Creditreform rund 29 000 Firmen Konkurs an. Servatius von der R+V rechnet nicht damit, dass der Abwärtstrend anhält. „Wir erwarten eine Abschwächung der Abnahme bis hin zur Stagnation“, sagt er. Servatius fürchtet, dass es zu einer Kreditverknappung kommen könnte. Viele deutsche Banken mussten im Zuge der Finanzkrise hohe Verluste hinnehmen, weil sie in US-Immobilienhypotheken geringer Bonität (Subprime) investiert hatten. Das Vertrauen in die Geldinstitute schwindet, ihr verfügbares Kapital wird knapper. Sie sind entsprechend vorsichtig, wem sie ihr Geld leihen. „Der Zugang zu Liquidität wird insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen an deutlich schärfere Bedingungen geknüpft werden“, sagt Servatius. Die Firmen müssten sich auf steigende Kreditzinsen und höhere Sicherheitsleistungen einstellen. Marita Kraemer, Vorstandsmitglied der Zurich Financial Deutschland, rechnet wegen des Liquiditätsengpasses sogar mit steigenden Insolvenzzahlen.

„Ungesicherte Forderungsausfälle können zum Beispiel nicht mehr zwischenfinanziert, plötzlich ausfallende Produktionsmittel nicht ersetzt werden“, sagt sie. Auch sitze das Geld nicht mehr so locker, wenn es darum geht, ein angeschlagenes Unternehmen durch eine Geldspritze aus Investorenhand kurzfristig zu stabilisieren.

Norbert Langenbach, Vorstandsmitglied bei Coface Deutschland, denkt dagegen nicht, dass die Banken mit ihrem Geld knausern werden. „Im Factoring-Geschäft erleben wir derzeit eine große Konkurrenz vonseiten der Banken“, sagt er. Beim Factoring verkaufen die Firmen ihre offenen Forderungen. Das Engagement der Banken in diesem Bereich zeige, dass bei ihnen noch ausreichend Liquidität vorhanden sei, so Langenbach. Die Geldinstitute besinnen sich auf das heimische Mittelstandsgeschäft.

Auch Peter Ingenlath, Vorstand von Atradius, glaubt nicht an eine Kreditklemme. „Wir haben in den vergangenen Monaten keine Fälle beobachtet, in denen Unternehmen wegen Kreditknappheit insolvent gegangen sind“, sagt er. Trotzdem rechnet er mit steigenden Insolvenzzahlen, da die Finanzkrise auch auf die Konjunktur drückt. „Der wirtschaftliche Abschwung in den USA und einigen europäischen Ländern wird den exportorientierten Branchen in Deutschland zu schaffen machen“, erklärt er. Zudem belaste der schwache Dollarkurs die Firmen.

Das schwierige wirtschaftliche Umfeld hat für Kreditversicherer durchaus positive Seiten. Wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre hätten viele Unternehmen es vernachlässigt, sich gegen Forderungsausfälle abzusichern, so Ingenlath. Das Thema rücke nun wieder in den Vordergrund. Die Nachfrage nach den Kreditversicherungen steige.

Andererseits machen sich die Insolvenzen auf der Kostenseite bemerkbar, vor allem bei Kreditversicherern wie Coface, die stark international tätig sind. „Weltweit betrachtet, sehen wir uns einem erhöhten Risiko gegenüber“, sagt Langenbach. In den USA hat sich die Zahl der Insolvenzen drastisch erhöht. Auch in Italien, Spanien, Großbritannien und Irland steigen die Zahlungsausfälle. Die Schadenquote werde daher leicht ansteigen, so Langenbach.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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