Anbruch des elektronischen Zeitalters

Industrieversicherer automatisieren ihr Geschäft

Von Patrick Hagen Bevor ein international tätiger Großkonzern neue Deckungen für Werke und Lager abschließt, stehen unzählige Reisen, Telefonate und E-Mails auf dem Programm. Die Versicherer wollen genau wissen, welchen Wert die Anlagen haben, welche Risiken und welche Sicherheitsvorkehrungen es gibt und ob am Standort Erdbeben oder Hurrikans drohen. Häufig schicken sie eigene Ingenieure zur Risikoeinschätzung. Selbst wenn eine Gesellschaft die Anlage bereits im Vorjahr versichert hat, nehmen Neuverhandlungen viel Zeit und Geld in Anspruch.

Die Branche sucht deshalb Alternativen zu Begehung und Begegnung. Vielversprechend sind elektronische Lösungen für den Versicherungsabschluss. Die Möglichkeiten reichen von Maklerplattformen im Web bis zu Internetsystemen, bei denen Versicherer Zugriff auf Datenbanken der Kunden haben – und umgekehrt. „Vor allem Vertragsverlängerungen lassen sich wunderbar mit einer elektronischen Lösung machen“, sagt Gerhard Heidbrink, Industrievorstand bei HDI-Gerling. „Ideal wäre natürlich eine einheitliche Plattform.“ Bislang scheiterten branchenweite Lösungen an fehlenden Datenstandards.

Im Geschäft mit Privatkunden haben die Versicherer schon viele Arbeitsprozesse automatisiert. In der Industrieversicherung ist dagegen immer noch die Datenübertragung von Hand üblich. „Jeder der etwa 30 Industrieversicherer arbeitet mit selbst entwickelten Systemen, die nicht kompatibel sind“, sagt Heidbrink. Außerdem spielt im Geschäft mit Großunternehmen die individuelle Kundenbetreuung eine große Rolle. „Die Kunden wollen die Kommunikation mit dem Versicherer zwar nach Möglichkeit elektronisch abwickeln“, sagt Heidbrink. Andererseits möchten sie aber den persönlichen Kontakt zum Kundenbetreuer.

Softwarefirmen wittern Geschäft

Bei der Versicherung von Industrierisiken müssen intern wie extern sehr viele Personen miteinander kommunizieren, sagt Jürgen Rintz von der Firma Interserv Engineering aus Nagold. Die Firma hat ein Software-Tool entwickelt, das Versicherungseinkäufern die Arbeit erleichtern soll. Ein webbasiertes System ermöglicht ihnen, Informationen über Werke, Deckungen, Prämien und Schäden ihres Unternehmens abzurufen. Auf Basis der gesammelten Daten können sie Anfragen an Versicherer verschicken. Das Unternehmen kann Versicherern auch Zugriff auf eine Ausschreibung gewähren. Bei laufenden Verträgen können sie Änderungen allen beteiligten Versicherern gleichzeitig zugänglich machen. Der Softwareentwickler arbeitet unter anderem für die firmengebundenen Vermittler von ThyssenKrupp, BMW und Linde.

Noch einen Schritt weiter ist Siemens gegangen. Der Konzern hat ein eigenes Internet-Versicherungssystem entwickelt, über das interessierte Anbieter alle relevanten Daten, Policen und Versicherungssummen einsehen können. „Je besser die Qualität unserer Daten ist, desto preiswerter ist die Prämie“, sagt Stefan Sigulla, Managing Director Insurance bei der Siemens-Tochter Siemens Financial Services.

Versicherer, die an einer Ausschreibung teilnehmen wollen, lädt Siemens zu Roadshows in den weltweiten Versicherungzentren London, New York, Hongkong, Bermuda und München ein. Auf den Veranstaltungen nennt Siemens Vertragsbedingungen und gibt Höchstpreise vor. Interessierte Versicherer müssen eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben und erhalten Zugang zum Internet-Versicherungssystem. Dort haben unabhängige Ingenieure Informationen über die Werke hinterlegt. „Im Schnitt kommen wir auf 200 Besichtigungen im Jahr“, sagt Robert Spitz, Chef der zuständigen Abteilung Global Lines. Die Zeitersparnis durch das neue System ist nach Angaben von Siemens enorm. „Die Vertragserneuerungen dauern jetzt nur noch ein Zehntel der Zeit“, sagt Spitz.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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