Ausgeplaudert

Die Telekom ist nicht allein: In vielen deutschen Führungs- etagen herrscht ein Klima des Misstrauens. Unzufriedene Manager geben Geheimnisse an Externe weiter, Firmen halten mit Kontrollen dagegen – und überschreiten dabei leicht die Grenzen der Legalität

Von Andreas Kurz, Berlin, und Christian Baulig, Hamburg So hatte sich Max Dietrich Kley den Rauswurf seines Widersachers nicht vorgestellt. Tage bevor der Aufsichtsratschef des Chipkonzerns Infineon den Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Ziebart vorvergangene Woche zum Trennungsgespräch laden wollte, stand die Nachricht über den Plan auf Seite eins der FTD. Die Bombe explodierte in der Hand dessen, der sie eigentlich werfen wollte.

Der im eigenen Aufsichtsrat umstrittene Kley musste sich scharfe Kritik an der Art und Weise gefallen lassen, wie er seinen Vorstandschef öffentlich demontiere. Zumal der Chefkontrolleur auch noch Geheimgespräche mit dem Finanzinvestor KKR über eine Fusion mit dessen Chipbeteiligung NXP gestartet hatte – am Infineon-Vorstand vorbei und gegen dessen Willen.

Die Empörung über die verpatzte Aktion nahm derart gefährliche Ausmaße an, dass sich Kley genötigt sah mitzuteilen, er plane weder seinen Rücktritt, noch sei er im Aufsichtsrat umstritten. Und er kündigte an, gegen jenes Mitglied des Kontrollgremiums vorzugehen, „das seit einigen Tagen die deutsche Presse mit Indiskretionen und Fehlinformationen füttert – unter Verstoß gegen seine Verschwiegenheitspflicht“.

In Deutschlands Führungsetagen geht es drunter und drüber. Von einem Vertrauensverhältnis kann keine Rede mehr sein. Pläne über Entlassungen, Umstrukturierungen, Übernahmen: Bei kaum einem größeren Vorhaben können Topmanager sicher sein, dass die Informationen nicht binnen kürzester Zeit auf dem Schreibtisch eines Journalisten landen. Die Firmen schießen zurück, drohen unverhohlen mit dem Einsatz von Rechtsmitteln oder lassen – wie offenbar auch die Deutsche Telekom – verdächtige Personen von Detektiven überwachen. Und überschreiten dabei immer wieder die Grenzen der Legalität.

Das Bemühen, Lecks möglichst schnell abzudichten, ist verständlich. Beim Chemiekonzern Altana platzte im März wegen Indiskretionen ein überaus interessanter Deal. Unter dem Codenamen „Ravel“ hatte das Unternehmen den Plan vorangetrieben, den US-Konkurrenten Rockwood zu schlucken. Altana-Manager hatten sich in der „Rheinresidenz“, einem Hotel unweit der Weseler Firmenzentrale, mit Vertretern der Investmentbank JP Morgan getroffen, um eine mögliche Übernahme der amerikanischen Firma zu erörtern. Unter anderem ging es darum, wie der Kaufpreis von rund 4 Mrd. Euro zu stemmen wäre.

Alles sollte in diesem Stadium geheim bleiben, dennoch sickerte der Plan an die Öffentlichkeit. Die Onlineausgabe des „Manager Magazins“ legte sämtliche „Ravel“-Details offen. So sei für April bereits ein Treffen mit dem Rockwood-Vorstand verabredet gewesen, erfuhren die Leser des Artikels. Vorstandschef Matthias Wolfgruber blieb wenig übrig, als sein Interesse herunterzuspielen: „Es gab und gibt keine Gespräche“ mit dem Rockwood-Management oder den Aktionären, erklärte er. Das allerdings hatte auch niemand behauptet.

Schnell kann der Verrat von Firmeninterna Millionenschäden verursachen. So rutschte der Aktienkurs des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS vor zwei Jahren in den Keller, nachdem die französische Zeitung „Le Monde“ ein Protokoll eines Führungstreffens veröffentlicht hatte, in dem von Verspätung bei der Auslieferung des Airbus A380 die Rede war. Der Konzern, der die Öffentlichkeit erst später über die Probleme informieren wollte, erstattete Strafanzeige gegen unbekannt wegen „des Diebstahls, des unerlaubten Besitzes sowie der unautorisierten Veröffentlichung interner und streng vertraulicher Entwurfsdokumente aus dem Eigentum des Unternehmen“. Die undichte Stelle konnte jedoch nicht ausfindig gemacht werden.

Natürlich dürfen sich Unternehmen gegen Durchstechereien auf höchster Ebene wehren. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb stellt es unter Strafe, Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse auszuplaudern. Doch Firmen, die sich mit Indiskretionen plagen, stehen vor einem Dilemma: Erlaubt sind die Indiskretionen nicht. Aber ohne staatliche Hilfe dürfen sie sich auch nicht dagegen wehren. „Das Schutzbedürfnis ist erkennbar“, sagt Hans-Christoph Schimmelpfennig, Rechtsanwalt bei Nörr Stiefenhofer Lutz, „aber auch die eigene Ohnmacht, sich gegen Geheimnisverrat zu schützen.“

Meist vertrauen Firmen nicht allein auf die Hilfe des Staates, sondern setzen eigene Ermittler an. So auch EnBW: Der Energiekonzern aus Baden-Württemberg ließ 2003 den ehemaligen Chef eines seiner Atomkraftwerke, Eberhard Grauf, beschatten. Nach einem heftigen Streit hatte sich der Konzern von dem Manager getrennt. Die Schwaben befürchteten, Grauf könnte Betriebsgeheimnisse verraten. Ein Detektiv sollte überprüfen, mit wem der entlassene Manager zusammenkam. EnBW informierte allerdings die Polizei über die Überwachung. Das Misstrauen stellte sich als unbegründet heraus: Grauf verstieß nicht gegen seine Schweigepflicht, nach einigen Monaten wurde die Überwachung eingestellt.

Die legalen Möglichkeiten, sich gegen Geheimnisverräter zur Wehr zu setzen, sind beschränkt: Manche Unternehmen „zinken“ die einzelnen Exemplare vertraulicher Unterlagen, um im Ernstfall nachverfolgen zu können, wer Informationen unerlaubt weitergegeben hat. Zahlen unterscheiden sich um Nachkommastellen, Typografie oder Layout unterscheiden sich in Details. „Das kann durchaus sinnvoll sein, um Lecks zu erkennen“, sagt Jürgen Stephan, Deutschlandchef der Sicherheitsberatungsfirma Control Risks. Abhöraktionen und Detektiveinsätze, wie sie bei der Deutschen Telekom anscheinend angeordnet wurden, seien hingegen höchst fragwürdig. „Mit solchen geheimdienstlichen Methoden sollte man im Unternehmen sehr vorsichtig sein.“

Wer sich zum Sheriff in eigener Sache aufschwingt, überschreitet die Grenzen der Legalität. Wenn die Vorwürfe stimmen, sagt der Hamburger Wirtschaftsstrafrechtler Oliver Pragal, „dann haben Telekom-Mitarbeiter ihrerseits eine Straftat begangen“. Ein Telefonanbieter darf keine Verbindungsdaten an Dritte weiterreichen, das steht im Strafgesetzbuch.

Je leichter die Technik die Überwachung eigener Mitarbeiter macht, desto stärker scheint in der Wirtschaftswelt das Empfinden für Datenschutz zu erodieren. Untersuchungs- und Datensicherheitsfirmen berichten über ein enorm gestiegenes Interesse an ihren Dienstleistungen. „Wir mussten in den vergangenen drei Jahren die Mitarbeiterzahl jedes Jahr verdoppeln“, sagt Peter Böhret, Vice President von Kroll Ontrack Europe. Allein in Deutschland beschäftigt das Unternehmen 75 Experten. „Es ist unglaublich einfach geworden, Daten zu stehlen“, sagt Böhret. Heute passe der Inhalt von mehr als 50 Aktenordnern auf einen einfachen Datenstick. „Den trägt jemand in der Jackentasche aus dem Betrieb.“

Handys, Blackberrys, Laptops – die technische Grundausstattung der meisten Manager – machen die Weitergabe von Informationen extrem einfach. Und führen zu einem Betriebsklima, das an den Kalten Krieg erinnert: Je mehr Möglichkeiten Mitarbeiter haben, Informationen weiterzugeben, desto stärker überprüfen die Firmen ihre Leute. Was die Vorsicht der Belegschaft – und den möglichen Frust über den kontrollwütigen Arbeitgeber – seinerseits erhöht.

Das Misstrauen von Führungskräften geht teilweise so weit, dass sie heikle Informationen gar nicht mehr über Diensttelefone übermitteln. Der Vorstand eines milliardenschweren deutschen Handelskonzerns etwa hatte mit seinem Arbeitgeber Verhandlungen über die Auflösung seines Vertrags geführt. In den folgenden Tagen, vielleicht schon während seines Urlaubs in Übersee, würde sein Ausscheiden aus dem Unternehmen bekannt gegeben. „Die werden meine Leistung schlechter reden, als sie war, zumindest in Hintergrundgesprächen“, fürchtete er.

Der Manager wollte gegensteuern – allerdings mit Vorsicht. „Über das Diensthandy, das hatte mir der Vorstandschef schon am Anfang gesagt, sei die Kommunikation in bestimmten Dingen gefährlich. Der Aufsichtsratschef lasse das kontrollieren.“ Die Personalie kam, die Beurteilung war wie erwartet mäßig. Der Manager konnte das Bild trotzdem geraderücken – über das Handy seiner Frau.

Auch bei Infineon sind die Führungskräfte seit der Kley-Episode nur über Umwege zu erreichen. Er nehme Anrufe von Journalisten ausschließlich über das Handy eines Freundes entgegen, sagt ein Topmanager. Ein anderer kappte die Verbindung ganz mit der Bitte um Verständnis: Das Risiko, dass es an der Konzernspitze zu „Exorzismen“ komme, sei ihm einfach zu groß.Mitarbeit: Steffen Klusmann,

Sven Clausen, Herbert Fromme,

Matthias Lambrecht, Andrzej Rybak

Zitat:

„Mit Geheimdienstmethoden sollte man vorsichtig sein“ – Jürgen Stephan, Control Risks –

„Das Schutzbedürfnis ist erkennbar“ – Hans-Christoph Schimmelpfennig, Nörr Stiefenhofer Lutz –

Bild(er):

Wer spricht? Firmen, die wie die Deutsche Telekom durch Abhöraktionen Lecks im eigenen Unternehmen aufspüren wollen,verstoßen gegendas Gesetz

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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