Verletzlicher Gigant

ArcelorMittal ist der weltgrößte Stahlkonzern mit 310 000 Mitarbeitern und 105 Mrd. Dollar Umsatz. Ohne funktionierenden Versicherungsschutz könnte der Multi sein Geschäft nicht betreiben

VON Herbert Fromme Wer sein eigenes Haus, die Wohnung, den Hausrat oder das Auto versichert, weiß, wie zeitraubend und unangenehm die Prozedur sein kann. Das für einen rasch wachsenden Weltkonzern tun zu müssen gleicht einer Sisyphusarbeit – von deren sauberer Erledigung aber viel abhängt für den Erfolg des Unternehmens. „Wir kaufen globale Versicherungsprogramme zentral ein“, sagt Edwin Meyer, General Manager Risk and Insurance Management beim Stahlriesen ArcelorMittal. „Aber unsere Arbeit umfasst sehr viel mehr.“

Meyer und seine Kollegen schlagen dem Vorstand vor, welche Risiken der Konzern selbst trägt, also keine Versicherung dafür einkauft. „Das ist eine äußerst schwierige Aufgabe“, sagt Meyer. Gelegentlich sei man in Versuchung, wegen der Finanzstärke des Unternehmens bestimmte Risiken nicht abzusichern, manchmal sei das Gegenteil der Fall. In der Transportversicherung geht es nicht so sehr um die Abdeckung der Risiken, die mit unter 30 Mio. $ überschaubar sind, sondern um gesetzlich geforderte Deckungen – ohne die der Konzern den Transportbedarf nicht decken kann.

Dazu kommt das Management der beiden hauseigenen Gesellschaften, Captives genannt. ArcelorMittal besitzt eine eigene Versicherungs- und eine Rückversicherungsgesellschaft. Der Konzern produziert 116 Millionen Tonnen Stahl im Jahr, mehr als doppelt so viel wie der nächste Wettbewerber Nippon Steel. Zum Vergleich: Die globale Produktion belief sich 2007 auf 1,34 Milliarden Tonnen. Hervorgegangen aus der Fusion des Weltmarktführers Mittal mit Arcelor, global die Nummer zwei, ist das Unternehmen jetzt in mehr als 60 Ländern tätig. 2007 investierte es 5,4 Mrd. $ und schloss Transaktionen für Übernahmen und Fusionen im Wert von 12,3 Mrd. $ ab.

Die Versicherung eines solchen Giganten ist nicht billig. Jährlich zahlt ArcelorMittal mehr als 300 Mio. $ für seinen Versicherungsschutz, sagt Meyer. Der Einkauf der Versicherungsprogramme erfolgt über einen Prozess, den er Risk Assessment – Risikobewertung – nennt. „Man muss ehrlicherweise sagen, dass es sich dabei oft noch vor allem um Informationserfassung handelt.“

Versicherungsprogramme dieser Größe können nicht von einzelnen Anbietern gestemmt werden. „Wir brauchen Gesellschaften mit hohen Versicherungskapazitäten, Versicherer und Rückversicherer“, sagt Meyer. „Wir sind sehr groß, wir sind sehr industriell, und natürlich gibt es hohe Risiken. Die Stahlproduktion ist nicht ungefährlich.“

In der Feuer- und Betriebsunterbrechungversicherung führt der US-Konzern AIG die Programme an, trägt selbst aber nur einen kleinen Teil der Risiken. Als sogenannter „Fronter“ platziert AIG den größten Teil mithilfe der ArcelorMittal-Captive bei Versicherern und Rückversicherern. Die Haftpflichtdeckungen führt Axa Corporate Solutions, die Industrieversicherungstochter des Pariser Axa-Konzerns.

„Auf unseren Programmen brauchen wir die führenden Gesellschaften der Welt“, sagt Meyer. Das liege an der Größe des Konzerns. „Wir suchen dabei Kontinuität aufseiten der Gesellschaften, wir hoffen, dass unsere Partner längere Zeit mit uns zusammenarbeiten.“ Nur so könne die Schadenerfahrung des Unternehmens tatsächlich in die Kalkulation der Gesellschaften einfließen. „Natürlich wird es weitere Konsolidierungsschritte unter den Versicherern geben.“ Aber das schließe langfristige Kooperation nicht aus. Grundsätzlich arbeitet ArcelorMittal nur mit Versicherern, die von den Ratingagenturen nicht schlechter als „A-“ bewertet werden. „Prinzipiell gibt es die Möglichkeit einer Ausnahme durch unseren Vorstand.“ Aber der lasse sie nur höchst ungern zu.

Meyer wünscht sich einen noch intensiveren Informationsaustausch mit den großen Versicherern und Rückversicherern. „Leider gibt es zu selten echte Risikoprofilanalysen.“ Gerade die Rückversicherer hätten gute statistische Daten über einzelne Branchen. Damit könnte ArcelorMittal Risiken besser einschätzen.

Dabei gibt es auch Risiken, die kaum versicherbar sind. „China produzierte 2007 489 Millionen Tonnen Stahl und verbrauchte den vollständig im eigenen Land“, erklärt Meyer. „Wenn die Konjunktur dort schwächeln sollte und China plötzlich 50 Millionen auf den Weltmarkt wirft, schafft das viel größere Probleme für die Branche als alle versicherbaren Risiken.“

Zitat:

“ „Die Stahlproduktion ist nicht ungefährlich“ “ – Edwin Meyer,ArcelorMittal –

Bild(er):

Die Wellhornschnecke ist vor allem im Atlantik zu Hause und gehört zu den fleischfressenden Mollusken. Zur ihrer Beute zählen Würmer, Krebse und Muscheln. Die Meeresschnecke bevorzugt kalte Gewässer. Ihr Gehäuse wird bis zu elf Zentimeter dick – Getty Images/Jim Wehtje

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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