Versicherer AIG sucht frisches Geld und Anlegervertrauen

Hoher Quartalsverlust macht Kapitalerhöhung nötig · Ex-Chef Greenberg klagt gegen die Gesellschaft · Standard & Poor’s verschlechtert Rating

Von Sebastian Bräuer, New Yorkund Herbert Fromme, Köln Die Aktie des US-Versicherungskonzerns American International Group (AIG) hat mit weiteren großen Verlusten auf die Quartalszahlen reagiert. Nachdem die Titel am Freitag um 8,8 Prozent auf 40,28 $ eingebrochen waren, gaben sie auch gestern nach. Am Donnerstag Abend hatte AIG einen Verlust von 7,8 Mrd. $ im ersten Quartal sowie eine Kapitalerhöhung von 12,5 Mrd. $ bekannt gegeben.

AIG ist nach Börsenkapitalisierung nur noch mit knappem Vorsprung größter Versicherer der Welt. Seit Juni 2007 hat die AIG-Aktie 44 Prozent eingebüßt. Gestern wies die Gesellschaft noch eine Börsenkapitalisierung von 64 Mrd. Euro auf, der deutsche Rivale Allianz kam auf 58 Mrd. Euro. Gemessen an den Beitragseinnahmen hat der US-Konzern den Titel schon lange verloren.

Konzernchef Martin Sullivan nannte die Kreditkrise sowie die Volatilität der Aktienmärkte als Gründe für den Verlust. Im vierten Quartal hatte die Versicherungs- und Finanzgruppe bereits 5,3 Mrd. $ verloren. Mit einer Dividendensteigerung um 10 Prozent auf 22 Cent für das Quartal versuchte AIG, den Druck auf die Aktie zu mildern. „Die Zahlen spiegeln die Stärke und das Potenzial von AIG nicht wider“, sagte Sullivan.

Sullivan ist unter Druck. Analysten von Goldman Sachs stuften das Papier gestern von „kaufen“ auf „halten“ herab. Die Ratingagentur Standard & Poor’s senkte das Gruppenrating von „AA“ auf „AA-“ und setzte alle Ratings auf Beobachtungsstatus mit negativen Implikationen. Auch die Agentur Fitch bewertete AIG schlechter.

Direkt negativ getroffen von der Ratingverschlechterung wurde die AIG-Tochter International Lease Finance Corporation (ILFC), ein sehr bedeutendes Flugzeug-Leasingunternehmen. ILFC-Chef Steven Udvar-Hazy, der zusammen mit zwei weiteren Gründern 2,7 Prozent der AIG-Aktien hält, prüfe jetzt eine Trennung von dem Versicherer, berichtete das „Wall Street Journal“. ILFC ist hoch profitabel, braucht aber für die Refinanzierung der 900 Flugzeuge ein gutes Rating.

Sullivans heute 83-jähriger Vorgänger Maurice „Hank“ Greenberg, der AIG 38 Jahre lang geleitet hatte und 2005 gegen seinen Willen gehen musste, geht juristisch gegen AIG vor: Die von der AIG-Legende angeführte Starr Foundation hat am vergangenen Mittwoch beim Supreme Court des Staates New York eine Klage gegen Sullivan und Finanzchef Steven Bensinger eingereicht. Greenberg wirft ihnen vor, die Verluste aus der Kreditkrise verschleiert zu haben.

Die Klage dürfte taktisch begründet sein, denn Greenberg sieht sich mehreren Klagen seines Ex-Arbeitgebers wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten gegenüber. Er musste AIG wegen eines Skandals um die Schönung der Bilanzen für 2000 und 2001 verlassen.

Finanzchef Bensinger bezeichnete die geplante Kapitalerhöhung von 12,5 Mrd. $ in einer Telefonkonferenz als notwendig, um auf mögliche Marktturbulenzen reagieren zu können. Damit machte er implizit deutlich, dass er die Kreditkrise für nicht ausgestanden hält.

Allerdings hofft AIG, dass es sich bei den Abschreibungen zum Teil um vorübergehende Wertverluste handelt, die durch die strengen Bewertungsregeln entstehen. Sie schreiben Unternehmen vor, ihre Portfolios nach Marktwert zu bewerten. Das Minus bei Kreditderivaten, für die es keinen direkten Markt gibt, fiel besonders hoch aus.

AIG betonte, das Kerngeschäft Versicherung sei gesund. Allerdings ging in der Schaden- und Unfallversicherung der operative Quartalsgewinn um 46 Prozent auf 1,6 Mrd. $ zurück, ein Resultat der fallenden Preise.

Zitat:

„Die Zahlen spiegeln die Stärke von AIG nicht wider“ – AIG-Chef Sullivan –

Quelle: Financial Times Deutschland


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