EM-Sendepanne erzürnt ARD und ZDF

TV-Sender prüfen Ansprüche gegen Turnierveranstalter Uefa · Notsystem undExtra-Kommentatoren für Finale am Sonntag

VON Lutz Knappmann, Hamburg, und Friederike Krieger, köln Der Sendeausfall während des EM-Halbfinalspiels zwischen Deutschland und der Türkei könnte ein juristisches Nachspiel haben. Das ZDF, das die Partie übertragen hatte, prüft, ob es gegen den Europäischen Fußball-Verband (UEFA) Ansprüche geltend machen kann. Auch die ARD, deren Hörfunkprogramme betroffen waren, erwägt Regressforderungen.

Am Mittwoch Abend war das Fernsehbild während der zweiten Halbzeit wiederholt ausgefallen. Zu diesem Zeitpunkt hatte es über Wien ein heftiges Gewitter gegeben, wodurch es im Sendezentrum der Uefa zu drei kurzen Stromaussetzern kam. Dafür vorgesehene Notgeneratoren sprangen nicht an, weswegen das komplette System neu gestartet werden musste. In der Folge blieben – zum Entsetzen von Millionen Zuschauern weltweit – die Bildschirme dunkel.

Es ist das erste Mal, dass die Uefa bei der EM-Endrunde nicht nur als Veranstalter, sondern auch als Fernsehproduzent agiert. Die Live-bilder aus den acht Stadien werden dabei in ein Sendezentrum in Wien überspielt, von wo sie an die einzelnen Fernsehstationen übermittelt werden. ARD und ZDF hatten für die Übertragung der EM zusammen 115 Mio. Euro gezahlt.

In manchen Ländern verpassten die Fußballfans insgesamt 18 Minuten der Partie – und sahen dadurch nur drei der insgesamt fünf Tore. Da vor allem kleinere Radiostationen keine Reporter mehr ins Stadion schicken, sondern anhand des Fernsehbilds kommentieren, fiel auch hier die Berichterstattung aus.

Einzig das Schweizer Fernsehen, das über eine Glasfaser-Direktverbindung zum Baseler Stadion verfügt, konnte senden – und stellte das Bildsignal unter anderem dem ZDF und dem ORF in Österreich zur Verfügung. ZDF-Reporter Béla Réthy kommentierte das Spiel per Telefonleitung – aus technischen Gründen jedoch mit einem zeitlichen Vorsprung vor dem TV-Bild.

Streng genommen begingen sowohl das ZDF als auch das ORF damit Vertragsbruch, da sie sich verpflichtet hatten, das Signal von der Uefa zu übernehmen. Konsequenzen müssen die Redakteure jedoch nicht fürchten. „Das war ein guter Akt der Solidarität“, lobte Alexandre Fourtoy, der Uefa-Geschäftsführer für Medientechnologie.

Das Vermarktungsmodell, das vorsieht, dass alle Bilder aus einer zentralen Quelle stammen, ist umstritten. Erst kürzlich hatte der Chef des Schweizer Fernsehens (SF), Armin Walpen, die Bildauswahl der Uefa kritisiert: Rauchbomben im Stadion hatten deren Kameras ebenso wenig gezeigt wie einen Flitzer auf dem Rasen. Walpen fürchtete daher, dass der EM-Veranstalter unliebsame Bilder verhindern wollte. Beim SF sah man sich durch die Panne vom Mittwoch jedoch nicht in dieser Kritik bestätigt: „In dem einen Fall geht es um die journalistische Unabhängigkeit, in dem anderen um eine ärgerliche technische Panne“, sagte ein Sprecher.

Die Uefa verwies auf eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ – was bei den betroffenen Anstalten jedoch auf wenig Verständnis stieß. „Bei der EM handelt es sich um ein Weltereignis, und wenn wir beim ZDF uns darauf zwei Jahre vorbereiten, darf auch der Uefa so etwas nicht passieren“, schimpfte ein ZDF-Sprecher.

Den Sendern geht es nicht nur ums Geld – sondern auch ums Image. Da die Anstalten sich über Gebühren finanzieren, haben solche Fußballpartien eine besondere Bedeutung: Mit den hohen Einschaltquoten rechtfertigen sie ihren Bildungsauftrag und sprechen zudem junge Zuschauer an, die sonst eher die private TV-Konkurrenz schauen.

Offen ist, welche Forderungen auf die Uefa zukommen könnten. Das Spiel wurde erst nach 20 Uhr angepfiffen – und damit in der werbefreien Zeit von ARD und ZDF. Auch die Sponsoren äußerten sich zunächst zurückhaltend. „Es ist sehr ärgerlich. Aber das kann mal passieren“, sagte ein Sprecher des Autozulieferers Continental. Regressforderungen seien nicht geplant.

Geschützt wäre der europäische Fußballverband nicht. „Eine Fernsehausfallpolice hat die Uefa schon seit 2004 nicht mehr abgeschlossen“, erklärte Jürgen Görling vom führenden deutschen Sportversicherer Hamburg-Mannheimer Sports. Die Uefa habe aber sehr gute Fernsehverträge. Sei die Unterbrechung auf höhere Gewalt zurückzuführen, müsse der Verband die Fernsehveranstalter nicht entschädigen. „Wenn der Uefa ein planerischer Fehler unterlaufen sein sollte, müsste der Verband dafür haften“, erklärt Görling. Eine Haftpflichtversicherung für Vermögensschäden, die bei einem Verschulden des Veranstalters greifen würde, hat die Uefa nach Görlings Einschätzung aber auch nicht abgeschlossen.

Eine weitere Panne im Finale am Sonntag soll in jedem Fall verhindert werden: Die Uefa hat die Stromversorgung des Sendezentrums auf vollständig unabhängige Generatoren umgeschaltet, die ihrerseits über ein Notstromsystem verfügen. Die ARD, die die Begegnung überträgt, hat derweil unter anderem eine eigene Glasfaserverbindung von den Stadien nach München verlegt, um notfalls das Uefa-Sendezentrum umgehen zu können. Zudem stehen in München zusätzliche, radioerfahrene Kommentatoren bereit. Mitarbeit: K. Spiller, B. Dengel

Zitat:

„Die EM ist ein Weltereignis, da darf der Uefa so etwas nicht passieren“ – ZDF-Sprecher –

Jennifer Lachman,, Lutz Knappmann, Friederike Krieger

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Aus einer Hand

Anfänger Der europäische Fußballverband Uefa tritt bei der EM 2008 erstmals auch als Fernsehproduzent auf. Früher hatte die Europäische Rundfunkunion (EBU) diese Aufgabe übernommen. Jüngst hatte vor allem das Schweizer Fernsehen die Auswahl der Bilder kritisiert – und der Uefa Zensur vorgeworfen.

Nachzügler Auch in Deutschland will die Deutsche Fußball Liga (DFL) die Livebilder von Bundesligaspielen bald selbst produzieren. Das Bundeskartellamt hat deswegen jedoch Bedenken angemeldet und prüft das Modell derzeit. Auch der Bezahlsender Premiere – der bislang seine eigenen Beiträge herstellt – protestiert vehement gegen dieses Vorhaben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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