Krach bei der Provinzial Nordwest

Vorstandsvorsitzender Heiko Winkler geht · Landessparkassenchef Rolf Gerlach will rasche Fusionen

Von Herbert Fromme, Köln Konzernchef Heiko Winkler verlässt nach Informationen der FTD die Versicherungsgruppe Provinzial Nordwest in Münster und Kiel. Der 60-jährige Winkler wolle sich nicht in der Auseinandersetzung zwischen den Eignern der Gruppe über die angestrebte Fusion mit der Sparkassenversicherung (SV) in Stuttgart zerreiben lassen, hieß es in Versicherungskreisen. Auch sei das Verhältnis zum Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Gerlach nicht mehr so gut wie früher. Gerlach ist Präsident des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbands. Weder Provinzial noch der Verband nahmen Stellung.

Die Provinzial Nordwest gehört wie die SV zu den öffentlich-rechtlichen Versicherern, die Teil des Sparkassenlagers sind. Zusammen kamen sie 2006 auf 16,5 Mrd. Euro Prämie und sind damit die Nummer zwei nach der Allianz. Allerdings verlieren sie seit Jahren Marktanteile. Die Sparkassenspitze glaubt, dass dies am fehlenden einheitlichen Marktauftritt in Deutschland liegt. Sie drängt auf Fusionen.

Am Dienstag tagt der Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest. Versicherungskreise erwarten eine heftige Auseinandersetzung um den künftigen Kurs in der Fusionsfrage sowie eine Entscheidung über den neuen Chef. Die größten Chancen werden dem Vorstandsmitglied Ulrich Rüther, 40, eingeräumt.

Während Gerlach eine rasche Fusion mit der SV verlangt, sieht sein Kontrahent Wolfgang Kirsch diesen Schritt sehr skeptisch. Kirsch ist Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, einer Organisation der Kommunen in der Region, die 40 Prozent an der Provinzial hält. Weitere 40 Prozent sind im Besitz der Sparkassen in Westfalen-Lippe, 20 Prozent gehören den Sparkassen in Schleswig-Holstein. „Wir haben solche Gespräche nicht beschlossen“, hatte Kirsch im Mai gesagt. Man habe im Aufsichtsrat der Provinzial lediglich festgelegt, bis September zu klären, ob man überhaupt mit Stuttgart verhandeln wolle.

Der Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe geht noch weiter. Er verlangt nach Angaben von Kommunalpolitikern aus der Region die Aufgabe des katastrophal verlaufenden gemeinsamen IT-Projekts Apollo. Es wurde 2006 auf Druck von Gerlach und Heinrich Haasis eingerichtet, damals Sparkassenchef in Stuttgart und heute Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Mit Apollo wollten Provinzial Nordwest und SV Stuttgart eine Plattform vor allem für die Lebensversicherung schaffen. Das Projekt liegt drei Jahre hinter dem Zeitplan und wird frühestens 2013 fertig, dazu kommen rasant steigende Kosten. Winkler war nie besonders glücklich über Apollo, wie es sich in der jetzigen Form darstellt.

An der SV Versicherung hat auch die Versicherungskammer Bayern, die größte öffentliche Gesellschaft, starkes Interesse. Sie könnte zum Zuge kommen, wenn die Landesbanken-Fusion Stuttgart-München Gestalt annehmen sollte. Dann könnte im Gegenzug für Stuttgart als Sitz der Landesbank der Versicherer nach München kommen. Winkler stand seit Bildung der Gruppe 2005 an ihrer Spitze, vorher war er seit 1995 Chef der Provinzial Münster.

Zitat:

„Wir haben solche Gespräche nicht beschlossen“ – Wolfgang Kirsch,Landschaftsverband –

Bild(er):

Vorstandschef Heiko Winkler, 60, verlässt die Provinzial in Münster nach 13 Jahrenan der Spitze

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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