Versichererfusion auf der Kippe

Großaktionär der Provinzial Nordwest will Vorhaben ablehnen · Sparkassen suchen Alternativen

Von Herbert Fromme, Münster Die von den Sparkassen vorangetriebene Fusion der Provinzial Nordwest in Münster mit der SV Versicherung in Stuttgart droht zu scheitern. Nach FTD-Informationen will einer der Eigner, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), am Freitag das Vorhaben ablehnen. „Die Aufnahme von Fusionsgesprächen zwischen Provinzial Nordwest und SV wird abgelehnt“, heißt es in der Vorlage für die LWL-Versammlung am Freitag, die der FTD vorliegt.

In Sparkassenkreisen wird an einer Alternative gearbeitet. „Gibt es einen Fusionsvorschlag mit einem anderen Zuschnitt, müsste der LWL neu entscheiden“, hieß es dort. Das könnte ein Dreierbund aus Stuttgart, Münster und einem weiteren Versicherer sein.

Der LWL, ein Zusammenschluss der Kommunen, hält 40 Prozent an der Provinzial, 40 Prozent gehören den westfälisch-lippischen Sparkassen, 18 Prozent denen in Schleswig-Holstein und zwei Prozent den ostdeutschen Kassen. Zwischen den Eignern besteht ein Konsortialvertrag, der sie verpflichtet, keine wesentlichen Entscheidungen gegen einen der Hauptaktionäre zu treffen. Deshalb kann der LWL nicht überstimmt werden.

Die Ablehnung wäre eine herbe Niederlage für den Münsteraner Sparkassenpräsidenten Rolf Gerlach, der das Fusionsprojekt seit 2005 betreibt – gemeinsam mit Heinrich Haasis, damals noch Sparkassenpräsident in Stuttgart und mittlerweile Vorsitzender des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Bereits zusammengelegt wurde das Asset-Management der beiden Versicherer, außerdem richteten sie eine IT-Tochter ein. Sie entwickelt die gemeinsame IT-Plattform Apollo. Gerlach und Haasis sind davon überzeugt, dass die regionale Zersplitterung der öffentlichen Versicherer überwunden werden muss, wenn sie gegenüber Allianz, Ergo oder R+V konkurrenzfähig bleiben wollen.

Der LWL unter Führung von Wolfgang Kirsch glaubt aber, dass die Risiken einer Fusion größer sind als die Chancen. Die Provinzial stehe wirtschaftlich gut da, eine Fusion könne das gefährden, heißt es in dem Papier. Das Gewicht des LWL bei Standort- und Arbeitsplatzfragen sinke. „Eine Fusion mit einem anderen öffentlichen Versicherer würde zu einem erheblichen Einfluss- und Steuerungsverlust des LWL führen. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der Anteil des LWL in einem fusionierten Unternehmen unter 25 Prozent sinkt.“

Der Provinzial-Aufsichtsrat hatte im Mai bestimmt, dass die Eigner bis Ende September über die Aufnahme von Gesprächen mit der SV entscheiden. In Sparkassenkreisen hieß es, die Meinungsbildung werde in den Gremien vorangetrieben, auch wenn der LWL gegen die Fusion stimmt.

Der zum Jahresende ausscheidende Provinzial-Chef Heiko Winkler sagte, die Gesellschaft brauche Klarheit, ob die Eigner die Fusion anstrebten oder nicht. „Ohne das Dach einer Holding geht das nicht“, sagte er zur Fortsetzung von Apollo. Das Projekt sollte ursprünglich 2008 fertig werden, die Kosten 2011 wieder eingespielt sein. Jetzt rechnen die Gruppen mit der Fertigstellung 2013. „Der Breakeven-Punkt liegt dann im Jahr 2022“, sagte Winkler.

Mit 2007 sind er und sein Nachfolger Ulrich Rüther zufrieden. Wegen der Aufgabe unprofitablen Geschäfts fielen die Prämien um 3,1 Prozent auf 2,92 Mrd. Euro. Der Konzerngewinn lag mit 205 Mio. Euro zwar unter den 239 Mio. Euro 2006. Angesichts des Sturms „Kyrill“, der die Provinzial brutto 250 Mio. Euro kostete, sei das aber ein gutes Ergebnis.

Bild(er):

Sparkassenpräsident Rolf Gerlach (r.) dringt auf den Zusammenschluss der Provinzial Münster mit der SV Versicherung Stuttgart, um die Marktposition zu stärken LWL-Chef Wolfgang Kirsch (l.) fürchtet die Risiken einer Versichererfusion und den Einflussverlust der Kommunen

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit