Verunsicherte Versicherer

Die großen Versicherer wollen das System der Krankenkassen komplett umkrempeln, weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr haltbar ist. Gegenwind kommt aus den eigenen ReihenVon Herbert Fromme

Es ist schon fast rührend, mit welcher Verzweiflung die Versicherungswirtschaft die Debatte über ihre Reformpläne einzudämmen versucht. Glaubt man den Verbänden und einzelnen Gesellschaften, gibt es eigentlich gar keinen Streit innerhalb der Assekuranz. Höchstens „Arbeitspapiere der zweiten und dritten Reihe“ – eine ungewöhnliche Bezeichnung für Vorstandsmitglieder von Großkonzernen wie Axa, Allianz oder Ergo.

Da ist etwa Reinhold Schulte. Der Verbandschef und Vorstandsvorsitzender der Signal Iduna wird nicht müde, demonstrativ die Einigkeit des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV) zu beschwören, sein Festhalten am zweigliedrigen System von gesetzlichen Krankenkassen und privater Krankenversicherung. In Wirklichkeit ist sein Lager zutiefst gespalten. Große Mitgliedsunternehmen halten es keineswegs für erstrebenswert, den Status quo beizubehalten.

Schwieriges Neugeschäft

Mit gutem Grund: Gerade Schwergewichte wie Allianz und Münchener Rück haben in der Krankenversicherung Probleme. Der Marktdritte, die Allianz Private Krankenversicherung, gilt in der Branche als fast nicht sanierbar – seit Jahren verliert das Unternehmen Marktanteile und landet in Kundenbewertungen auf mäßigen Plätzen. Wegen seines neuen, höchst komplexen Tarifsystems gilt es als Schrecken der Versicherungsvermittler. Das Durchschnittsalter der Versicherten steigt, ähnlich wie bei der DKV, die zur Münchener Rück gehört. Allein der Tod entreißt den alten Gesellschaften so viele Kunden, dass sie im Neugeschäft selbst bei größten Anstrengungen diese Lücke kaum auffüllen können.

Dabei sind ihre Chancen im Neugeschäft ohnehin nicht sehr gut. Für die Kunden sind Gesellschaften attraktiver, die entweder jünger sind oder einen berufsständischen Hintergrund haben. Ein Beispiel: der Marktführer Debeka. Die Deutsche Beamtenkrankenversicherung wurde 1905 von Lehrern und Beamten gegründet und ist in der Rechtsform noch immer ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, kommt also ohne Aktionäre aus.

Die Allianz und andere können ihre Probleme nicht lösen, indem sie private Krankenversicherer aufkaufen, denn die meisten haben schließlich dieselben Probleme. Einen Weg aus der Misere sehen Konzernstrategen nur darin, Krankenkassen zu kaufen und damit in den Markt für 90 Prozent der Bevölkerung einzudringen, der ihnen bisher verschlossenen ist. Die Kassen sind öffentlich-rechtliche Einrichtungen und dürfen von Privaten nicht aufgekauft werden.

Der Kern der jetzt diskutierten Vorschläge läuft deshalb langfristig auf die vollständige Privatisierung der Krankenkassen hinaus. Um dorthin zu gelangen, müssen die bisherigen Systeme aufgebohrt werden: Gesetzliche Kassen und private Versicherer sollen eine einheitliche Grunddeckung anbieten. In diesem Modell sind die Beiträge der Kassen nicht mehr vom Einkommen abhängig, und die Privaten dürfen sich Kunden nicht nach deren Risiken aussuchen – es gilt Annahmezwang. Darüber hinaus gibt es Zusatzdeckungen und andere Tarife der Privaten, die mindestens dem Grundschutz entsprechen. Diese Zusatzversicherungen wären, wie bisher schon, rein privat.

Das ist die Essenz des zehnseitigen Papiers, das unter Leitung des Axa-Vorstands Heinz-Peter Roß erarbeitet und auf Druck des PKV-Verbands hin wieder aus der Vorlage entfernt wurde. Das bisherige System, das auf dem Nebeneinander von gesetzlicher und privater Versicherung beruht, würde verschwinden. Genau das wollen aber viele Krankenversicherer nicht, die weniger Probleme als die großen Konzerne haben.

Zerstrittene Branche

Die Diskussion ist nicht neu. 2006 hatte Allianz-Krankenversicherungschef Ulrich Rumm in einem Brief an Gesundheitsministerin Ulla Schmidt angeboten, die bestehenden Tarife der privaten Krankenversicherung zu schließen und Neukunden nur noch in einen Basistarif mit Zusatzdeckungen aufzunehmen. Im Gegenzug verlangte Rumm von der Regierung, die gesetzlichen Kassen auf einen ähnlichen Basistarif umzustellen. Damals konnte der PKV-Verband seine Reihen noch schließen: Alle Gesellschaften außer der Allianz lehnten die Vorschläge ab.

Das wird für Verbandschef Schulte jetzt deutlich schwerer. Zwar werden die meisten Gesellschaften auf der PKV-Mitgliederversammlung am kommenden Mittwoch in Berlin die Verbandslinie wohl oder übel mittragen. Schließlich gibt es noch zahlreiche Baustellen, wegen derer die PKV gerade mit der Bundesregierung verhandelt. Da passt eine zerstrittene Branche nicht ins Bild. Aber hinter vorgehaltener Hand machen die Manager großer Mitgliedsgesellschaften aus ihrer Unzufriedenheit kein Hehl. Dem Verband wird mangelnde Zukunftsfähigkeit vorgeworfen. Weil eigene Konzepte fehlen, wird die PKV immer wieder zum Spielball der Politik, argumentieren sie. Die nächste Gesundheitsreform lässt schon heute grüßen – und die Diskussion um die Zukunft der PKV wird in der Assekuranz weitergehen.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit