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kopf des TagesRolf Dörig hat den Lebensversicherer Swiss Life saniert. Nunerhöht der Unternehmenschef das Wachstumstempo und greift nach MLP. Einwagemutiger Schritt, er muss von den Aktionären heftige Prügel einstecken

Rolf Dörig ist Enttäuschungen gewohnt – nicht nur als Präsident des Fußballklubs Grasshoppers Zürich. Der Schweizer Verein spielte am Freitag in der Uefa-Cup-Qualifikation gegen den polnischen Klub Lech Poznan und kassierte ein 0:6 – die höchste Europacup-Niederlage in der Klubgeschichte.

Auch in seinem Hauptberuf als Unternehmenschef des Swiss-Life-Konzerns muss Dörig Niederlagen einstecken. Um satte 16 Prozent brach die Aktie des führenden Schweizer Lebensversicherers in der vergangenen Woche ein, als bekannt wurde, dass Swiss Life beim deutschen Finanzvertrieb MLP eingestiegen war. Aktionäre zweifeln an der strategischen Klugheit dieses Schritts und grämen sich, dass Swiss Life das Aktienrückkaufprogramm stoppt.

Dörigs Bilanz bei Swiss Life lässt sich dennoch sehen. Als der promovierte Anwalt und Absolvent der Harvard Business School 2002 von der Großbank Credit Suisse zur ehrwürdigen, seit 1857 bestehenden Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt kam, stand das Unternehmen vor einer Katastrophe. Die Börsenkrise hatte dem Konzern arg zugesetzt, Swiss Life hatte ungeschickt zugekauft und wurde stark belastet durch den vorgeschriebenen hohen Zins für die betriebliche Altersversorgung in der Schweiz. Dazu kamen Personalturbulenzen, Vorgänger Roland Chlapowski war nur sieben Monate im Amt.

Dörig, frisch im Amt, saniert, reduziert Stellen, verkauft Teile des Geschäfts wie die Banca del Gottardo und die Töchter in den Niederlanden und Belgien und konzentriert die Gruppe auf die Kernmärkte Schweiz, Deutschland und Frankreich. Der Kurs steigt, die Aktionäre danken es ihm.

Im Kerngeschäft Deutschland ist Swiss Life nur als Maklerversicherer unterwegs, hat also keine eigenen Vertreter. Da liegt genau das Problem für Dörig. Er will in fünf Jahren den Marktanteil von 1,7 Prozent auf mehr als fünf Prozent verdreifachen. Dafür braucht er Vertriebskraft. Im Dezember 2007 gibt er deshalb den Einstieg beim Hannoveraner Vertrieb AWD bekannt, von dem Swiss Life jetzt 96 Prozent hält. Der nächste Coup dann in der vergangenen Woche: Mithilfe des AWD-Chefs Carsten Maschmeyer kauft Swiss Life knapp 27 Prozent an MLP – gegen den Willen des MLP-Vorstands und des Großaktionärs Manfred Lautenschläger. Dörig schließt eine Übernahme nicht aus, sagte er am Wochenende, nur feindlich werde sie nicht sein.

Dörig weiß, dass der Einstieg bei den Vertrieben riskant ist. Ob die drei Firmen zusammenpassen, muss sich zeigen. Er wagt ihn trotzdem, weil er sonst die ehrgeizigen Wachstumsziele kaum erreichen kann. Mit den Problemen im Detail muss Nachfolger Bruno Pfister fertig werden, Dörig wird im Mai 2009 Verwaltungsratschef. Kollegen erwarten, dass der 51-Jährige an anderer Stelle der Finanzwirtschaft noch einmal auftauchen wird. Ein Rückzug ins Private sei nicht vorstellbar. Herbert Fromme

Agenda 25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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