Coole Party statt Captains Dinner

Anbieter von Kreuzfahrten umgarnen eine neue Zielgruppe. Junge Leute, dieungezwungen feiern und ihre Lieblingsstädte bereisen wollen, buchen immerhäufiger eine Urlaubsreise auf dem Meer

VON Friederike Krieger

Heute Stockholm, morgen Helsinki, übermorgen St. Petersburg – eine Rundreise durch mehrere Städte ist schön, aber anstrengend. Ständig muss der Urlauber seine sieben Sachen packen und sich eine neue Unterkunft suchen. Bei einer Kreuzfahrt hat er diese Probleme nicht. „Reisende entdecken viele Häfen und Orte, ohne dass sie Koffer packen müssen. Das Hotel ist an Bord, es schwimmt mit“, erklärt Kathrin Heitmann von Aida Cruises, dem führenden Kreuzfahrtanbieter in Deutschland. Diesen Vorteil wissen immer mehr Bundesbürger zu schätzen.

Rund 763 000 Deutsche buchten im vergangenen Jahr eine Kreuzfahrt auf hoher See. Das sind rund acht Prozent mehr Passagiere als im Vorjahr. Sie bescherten den Reiseveranstaltern einen Umsatz von 1,44 Mrd. Euro. Dabei steht der Kreuzfahrtmarkt in Deutschland noch ganz am Anfang. „Da ist noch jede Menge Potenzial vorhanden“, sagt Heitmann.

Das glaubt auch Helge Grammerstorf vom Beratungsunternehmen Sea Consult. Er geht davon aus, dass die Zahl der deutschen Passagiere bis 2018 auf mehr als zwei Millionen ansteigen wird. Das Wachstum kommt aber nicht von klassischen Kreuzfahrtpassagieren, die gern in Abendgarderobe am Captain’s Dinner teilnehmen. Ihre Zahl nimmt stetig ab, sagt Grammerstorf.

Stattdessen rücken zwei neue Gruppen in den Fokus der Kreuzfahrtanbieter. Das sind zum einen Reisende, die Cluburlaub mit viel Animation lieben. Sie sind etwas jünger als die klassischen Kreuzfahrturlauber und wollen vor allem eins: Eine Woche Sonne und Party auf hoher See genießen. Das Reiseziel des Schiffs wird dabei zur Nebensache. „Ob das Schiff Tanger oder Rom anläuft, ist ihnen egal“, sagt Grammerstorf. Diese Zielgruppe bedient vor allem Aida Cruises.

Für die zweite Gruppe ist die Destination dagegen die Hauptsache. Diese Passagiere sind reiseerfahren und gebildet. „Sie wollen die Orte besuchen, über die sie schon so viel gelesen haben, wie die Akropolis in Athen“, erklärt Grammerstorf. Das Schiff stellt für sie eine bequeme, stressfreie Möglichkeit dar, dorthin zu gelangen. Sie bevorzugen kleine, ruhige Schiffe. Die großen, lauten Cluburlaubsschiffe finden sie eher abschreckend. Die Passagiere haben hohe Qualitätsansprüche. Sie wünschen sich ein Fünf-Sterne-Abendessen, wollen dazu aber nicht in Krawatte und Abendkleid erscheinen, sondern bevorzugen es leger. Daneben besitzt die Zielgruppe vor allem eins: Viel Geld. „Für die Anbieter dürfte sie mittelfristig die wirtschaftlich interessanteste Gruppe sein“, erklärt Grammerstorf.

Auch TUI will unbedingt in dieses Marktsegment hinein. Mit Hapag-Lloyd Kreuzfahrten besitzt der Reiseveranstalter zwar schon einen Kreuzfahrtanbieter. Der ist aber vor allem auf das traditionelle Luxussegment spezialisiert. Bereits vor zwei Jahren versuchte TUI, ein Joint Venture mit der Muttergesellschaft von Aida Cruises, der amerikanischen Carnival Corporation, auf die Beine zu stellen. Das Unterfangen scheiterte aber an kartellrechtlichen Bedenken. Die Wettbewerbshüter erlaubten TUI allerdings, gemeinsam mit dem Carnival-Konkurrenten Royal Caribbean Cruises einen neuen Kreuzfahrtanbieter zu gründen. Im Mai 2009 soll das erste Schiff des frisch gebackenen Veranstalters TUI Cruises in See stechen. Das Unternehmen hat bereits die MS Galaxy der US-Reederei Celebrity Cruises gekauft. Zwei Schiffsneubauten sollen 2011 und 2012 folgen. Robin Zimmermann von TUI Cruises ist sich sicher, eine Marktlücke entdeckt zu haben. „Die Urlauber, die wir ansprechen wollen, haben bisher noch keine Kreuzfahrt gemacht, weil sie kein passendes Angebot gefunden haben“, erklärt er.

In dem Marktsegment zwischen Clubschiffurlaub und traditioneller Kreuzfahrt sind bisher nur internationale Anbieter wie Costa, Princess oder MSC Cruises tätig. „Ein deutsches Angebot fehlt noch“, sagt Zimmermann. Es gehe nicht nur darum, dass die Durchsagen auf dem Schiff in deutscher Sprache erfolgen. „Deutsche Gäste haben zum Beispiel ganz andere Vorlieben als Amerikaner, wenn es um die Gestaltung des Wellnessbereichs geht“, sagt Zimmermann. Während sich Bürger der USA in geschlossenen, klimatisierten Arealen wohlfühlen, bevorzugen Deutsche offene Räume mit Blick aufs Meer. Deshalb wird die „MS Galaxy“ vor ihrer Jungfernfahrt im Dienste von TUI Cruises für rund 50 Mio. Euro umgebaut. Das Schiff soll zunächst in Richtung Ostsee und nordische Länder in See stechen, dann das westliche Mittelmeer befahren und im Winter in die Karibik aufbrechen. Damit sind die Lieblings-Kreuzfahrtrouten der Deutschen auch abgedeckt.

TUI Cruises sitzt in Hamburg. Ob das auch der Heimathafen des neuen Unternehmens werden soll, steht noch nicht fest. Hamburg zählt zu den großen Profiteuren des Kreuzfahrtbooms. Früher galt der Hafen wegen der langen Fahrt auf der Elbe nicht als ernst zu nehmender Konkurrent neben Schwergewichten wie Kiel und Rostock-Warnemünde. Das hat sich geändert. Verzeichnete der Hafen im Jahr 2000 noch 29 Anläufe durch Kreuzfahrtschiffe, waren es in diesem Jahr schon 79. Nun sind aber die Grenzen der Kapazität erreicht. „Hamburg ist ein Problemhafen, was die Infrastruktur angeht“, erklärt Alexander Napp vom Schiffsmakler Sartori & Berger. Das Hamburg Cruise Center, ein Provisorium inmitten einer großen Baustelle, sei viel zu klein. Die anderen deutschen Häfen haben schon längst in neue Infrastruktur für die Kreuzfahrtriesen investiert. Hamburg schiebt die Modernisierung des provisorischen Terminals dagegen schon seit Jahren auf. Auch der ganz neu geplante Terminal in Hamburg-Altona wird nicht wie angekündigt zur Kreuzfahrtsaison 2009 fertig. Unter den gegebenen Bedingungen sei die Zielzahl von 120 Anläufen im nächsten Jahr nicht haltbar, sagt Nadine Palatz vom Hamburg Cruise Center. Es werden wohl eher 80 bis 85 Schiffsbesuche.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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