Der König, das bin ich

kopf des TagesCarsten Maschmeyer muss sich eigentlich nichts mehr beweisen.Er ist steinreich, erfolgreicher Unternehmer. Doch nun entert der AWD-Chef denRivalen MLP – und verwirklicht sich einen Lebenstraum

E r hat alles erreicht. Carsten Maschmeyer ist mehrere Hundert Millionen Euro schwer. Der einst belächelte Chef des Hannoveraner Finanzvertriebs AWD spielt längst in der ersten Liga der deutschen Geldindustrie. Versicherungschefs und Bankvorstände buhlen um seine Aufmerksamkeit – und die Vertriebskraft seiner Vertretertruppen. Maschmeyer nennt Altkanzler Gerhard Schröder und Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff in einem Atemzug als persönliche Freunde.

Und dennoch wirkte der 49-Jährige bis vor Kurzem eher ausgebrannt; er verkaufte die Mehrheit an seinem Unternehmen an den Schweizer Lebensversicherer Swiss Life und galt trotz seines Alters als Kandidat für den baldigen Ruhestand.

Scheinbar plötzlich hat ihn nun die Leidenschaft für die Branche neu erfasst. Er will einen Lebenstraum wahr machen und den wohl größten Finanzvertrieb der Welt schaffen – indem er zusammen mit Swiss Life den Rivalen MLP übernimmt. Gelänge ihm der Coup, wäre ein für alle Mal die Frage geklärt, wer die Nummer eins unter Deutschlands Finanzvertrieben ist.

Eigentlich wollte Maschmeyer Arzt werden. Damals, während des Studiums, verdient sich der durchtrainierte Mittel- und Langstreckenläufer Geld bei Wettkämpfen – als „Hase“, wie die bezahlten Schrittmacher für andere Athleten genannt werden. Bei einem so finanzierten Urlaub in Tunesien lernt er einen Vertreter des Kölner Finanzvertriebs OVB kennen. Maschmeyer beendet sein Medizinstudium und lernt das Verkaufen von Versicherungspolicen. Für OVB baut er ein dichtes Vertriebsnetz auf. Doch die Karriere bei dem Finanzvertrieb endet im Streit und mit einer millionenschweren Abfindung für den 27-Jährigen.

Maschmeyer bleibt der Branche treu, im Jahr 1988 gründet er AWD. Das Unternehmen verkauft Lebens- und Krankenversicherungen, Fondsanteile und Sparverträge im Auftrag von Banken und Versicherungen. Maschmeyer hat das Geschäftsmodell nicht erfunden, aber erheblich weiterentwickelt. Das Geschäft läuft hervorragend, aber der Chef kämpft mit einem schlechten Image. Für Kritik sorgt nicht nur das System der Provisionspyramide, bei der jede Ebene von den Vertriebserfolgen der unteren Ebenen profitiert. Verbraucherschützer werfen dem Unternehmen vor, den Kunden nicht bedarfsgerechte, sondern provisionsträchtige Verträge zu verkaufen.

Mit dem Börsengang von AWD im Jahr 2000 verpassen sich Maschmeyer und seine Firma ein neues Erscheinungsbild. Längst tritt Maschmeyer durchgestylt bis in die Haarspitzen auf. AWD-Vertreter nennen sich heute „Berater“, das Unternehmen „unabhängiger Finanzoptimierer“.

Nach einer MLP-Übernahme müssten die zwei unterschiedlichen Kulturen zusammengebracht werden. Vielleicht ist das der geeignete Zeitpunkt, die Position erneut zu wechseln – oder in den Ruhestand zu gehen.Herbert Fromme

Leitartikel 25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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