Nacholympisches Ringen

Die Olympischen Spiele sind vorbei. Für Sportler, die sich während derWettkämpfe verletzt haben, fängt oft jetzt erst der Streit mit der Versicherungan

Friederike Krieger

Versicherung bizarr: Der Versicherer will zahlen, aber der Geschädigte lehnt dankend ab. So geschehen dieser Tage in China. Den Schaden hatte der chinesische Hürdenläufer Liu Xiang davongetragen. Wegen einer Verletzung an der Achillessehne konnte er nicht am Rennen teilnehmen.

Gegen dieses Risiko hatte ihn der chinesische Versicherer Ping An mit 14,6 Mio. $ versichert – kostenlos und werbewirksam. Nach der Verletzung erklärte sich Ping An bereit, die Summe auszuzahlen, doch Xiang wollte nicht. Ob dabei staatlicher Druck im Spiel war, blieb unklar, aber ein Verhalten als „Abzocker“ hätte dem Ansehen des populären Liu sicher geschadet. Das verletzungsbedingte Ausscheiden hat schon jetzt einen schweren Image- und Wertverlust für die diversen Werbepartner des Hürdenläufers gebracht. PICC, Versicherer des chinesischen Olympia-Teams, hatte gleich ganz die Zahlung verweigert. Liu habe schon vor Olympia Probleme mit der Sehne gehabt.

In so eine Situation können deutsche Sportler auch kommen. Viele Athleten haben Policen gegen ernsthafte Verletzungen abgeschlossen. Die Verträge sind hierzulande allerdings anders gestrickt.

„Policen, die dann leisten, wenn ein Sportler einen Wettkampf nicht antreten kann, sind in Deutschland eher unüblich“, sagt Michael Walther vom führenden Sportversicherer Hamburg-Mannheimer Sports. Die gängigste Absicherung seien Unfall- oder Sportinvaliditätspolicen, die erst dann zahlten, wenn der Athlet dauerhafte Schäden davongetragen hat. Das war bei Ronny Ziesmer der Fall, Mehrkampfmeister im Turnen. Beim Training für Olympia 2004 stürzte er. Ziesmer zog sich einen Bruch der Halswirbelsäule und Quetschungen des Rückenmarks zu. Arme und Beine des Turners werden wohl für immer gelähmt bleiben.

Die Summen, auf die deutsche Sportler in solchen Fällen hoffen können, sind im Vergleich zu Xiangs Vertrag gering. Bei Sportinvaliditätspolicen sind meist zwischen 50 000 Euro und 500 000 Euro versichert, sagt Walther. Das hängt mit den mageren Einnahmen der Athleten zusammen. Für viele deutsche Sportler, die nach Peking gefahren sind, ist der Sport daher nur ein Zweitberuf.

Hamburg-Mannheimer Sports hat rund 100 deutsche Olympiateilnehmer mit Versicherungspaketen eingedeckt. Sie umfassen eine Leistung von 200 000 Euro bei Sportinvalidität, 20 000 Euro im Todesfall und 10 000 Euro Sofortleistung bei schweren Verletzungen des Knie- oder des Schultergelenks. Das kommt aber weniger häufig vor, als man annehmen mag. „Wir hatten hier bisher nur einen Schadensfall“, sagt Walther.

Voraussetzung: Die Verletzungen müssen durch einen plötzlichen Unfall entstanden sein. „Bei chronischen Leiden, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln, leisten die Versicherer meist nicht“, sagt Kai Bockelmann vom Versicherungsmakler Aon. Deshalb lehnte PICC die Zahlung an Xiang ab. „In diesem Punkt gibt es oft Streitigkeiten zwischen Sportler und Versicherer.“

Die Verletzungen des britischen Fußballspielers Ben Collett sind dagegen unstrittig durch äußere Einwirkungen entstanden. Er musste seine Karriere bei Manchester United 2003 wegen eines doppelten Beinbruchs beenden. Ein Spieler von FC Middlesbrough hatte ihn gefoult. Er verklagte ihn auf 5,4 Mio. Euro. Zahlen musste der Haftpflichtversicherer von Middlesbrough.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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