Wo die Doping-Detektive forschen

In NRW sitzen viele Biotechnologie-Unternehmen. Zu ihren Kunden zählen großePharma- und Chemiekonzerne, aber auch die Welt-Anti-Doping-Agentur

VON Friederike Krieger

Ob bei der Tour de France oder den Olympischen Spielen in Peking – wo immer Sportler überragende Leistungen zeigen, gibt es Bedenken, ob der eine oder andere Athlet mit Dopingmitteln nachgeholfen hat. Doch konventionelle Tests enttarnen längst nicht jeden Schummler.

„Besonders Gendoping ist schwer nachweisbar“, sagt Ron Wacker, Produktmanager des Dortmunder Unternehmens Chimera Biotec. Dabei verabreicht sich der Sportler ein Gen, das den Körper anregt, selbst leistungsfördernde Substanzen im Überfluss zu produzieren. Die Überprüfung auf fremde Substanzen beeindruckt einen Gendoper deshalb überhaupt nicht. Das will Chimera Biotec künftig ändern. Die Firma ist eins von 170 Biotechnologieunternehmen in Nordrhein-Westfalen (NRW). Im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) forscht Chimera an einem Verfahren, das Gendoping aufdecken soll.

Die Idee: Statt nach einer Substanz zu suchen, überprüft die Firma ein Profil einer Reihe von Substanzen, die den Muskelaufbau beeinflussen. „Die Proteinkonzentration im Körper sollte immer gleich sein, egal wie viel ein Sportler trainiert“, erklärt Wacker. Wenn die Zahl der Proteine ungewöhnlich hoch ist, weist das auf Einflüsse von außen hin. Wacker hofft, dass die Methode von Chimera zum Standarddopingtest wird. „Bei der Vielzahl von Kontrollen könnte das einen unglaublichen Markt eröffnen“, sagt er.

Der Gendopingtest ist aber nur ein Nebenprodukt für das zehn Mitarbeiter starke Unternehmen. Wie bei vielen Biotechnologiefirmen aus NRW zählen vor allem Pharmakonzerne zu den Kunden. Sie nutzen Chimeras Technik zur Proteinsuche für ihre Medikamentenentwicklung.

Es gibt zahlreiche Pharma- und Chemieunternehmen in NRW: Bayer Schering Pharma, Schwarz Pharma, Grünenthal und Madaus sind ebenso ansässig wie Lanxess, Evonik, Cognis und Henkel. Das schafft ein günstiges Umfeld für die Biotechnologiebranche, die wiederum wichtige Impulse an die Industrieriesen weitergibt. „Viele Fortschritte in der Pharmaindustrie beruhen auf biotechnologischen Entwicklungen“, sagt Hartmut Thomas vom Ministerium für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Lands NRW.

Platzhirsch in der nordrhein-westfälischen Biotechnologieszene ist die Firma Qiagen. Mit einem Umsatz von 649,8 Mio. $ und 2800 Mitarbeitern weltweit ist die Ausgründung der Universität Düsseldorf das größte Unternehmen der Branche in Deutschland. Qiagen hat eine Methode zur Reinigung von Genmaterial entwickelt, auf die viele Forscher angewiesen sind. Ein anderer Branchengigant ist die Firma Miltenyi Biotec aus Bergisch Gladbach, die sich unter anderem der Sortierung von Zellen verschrieben hat. Dieses Verfahren ist beispielsweise für die Krebstherapie wichtig.

Doch nicht alle Biotechnologie-Unternehmen in NRW sind so erfolgreich. Viele sind sehr klein, was auch die Gesamtzahl von nur 6100 Beschäftigten zeigt. Oft sind die Firmen noch weit entfernt von der Gewinnzone. Bevor sie mit einem neuen Produkt am Markt glänzen können, vergehen viele Jahre der Forschung und Entwicklung.

Auch bei Chimera Biotec dauerte es fünf Jahre, bevor das Unternehmen schwarze Zahlen schrieb. Böse Zungen definieren eine Biotecfirma deshalb auch als Pharmafirma ohne Umsatz. Thomas vom Innovationsministerium ist aber überzeugt, dass sich das bald ändern wird. „In 10 bis 20 Jahren wird die Biotechnologie in alle Lebensbereiche vorgedrungen sein“, sagt er. Als besonders zukunftsträchtig betrachtet Thomas die industrielle Biotechnologie, die in NRW stark präsent ist.

„Bei der industriellen Biotechnologie geht es beispielsweise darum, Produkte wie PVC, die bisher rein chemisch hergestellt wurden, mithilfe nachwachsender Rohstoffe zu erzeugen“, erklärt Manfred Kircher, Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Clib2021, das sich der Förderung dieser Art von Biotechnologie in NRW verschrieben hat. Die Kooperation zwischen Industrie und Wirtschaft ist auch Nordrhein-Westfalens neues Vorzeigeprojekt im Biotechbereich. Das Netzwerk hat im vergangenen Jahr den bundesweiten Wettbewerb „BioIndustry 2021“ des Bundesforschungsministeriums gewonnen und dafür 20 Mio. Euro an Fördergeldern erhalten.

Das Netzwerk will unter anderem die kleinen und mittleren Firmen zu mehr eigener Forschung ermutigen. „Viele Mittelständler sind vor allem als Zulieferer tätig“, erklärt er. Eigene Innovationen an Großunternehmen zu lizensieren, würde ihnen aber Vorteile bringen. Es macht sie für Investoren interessanter. Denn die Suche nach Geldgebern kann sich im Bereich der industriellen Biotechnologie schwer gestalten. „Es gibt oft eine Vielzahl potenzieller Anwendungen und Abnehmer“, erklärt Kircher. Im Pharmabereich geht es dagegen meist um die Behandlung konkreter Krankheiten, zu denen Fallzahlen vorliegen. Deshalb tun sich die Investoren hier leichter.

Auch die Landesregierung hat eine biotechnologische Innovationsoffensive namens BIO.NRW ins Leben gerufen, um die Branche zu unterstützen. NRW will damit endlich die ewigen Konkurrenten Bayern und Baden-Württemberg überholen, die bei der Zahl der Biotech-Unternehmen und ihrer Mitarbeiter bisher die Nase vorn haben. In den nächsten Jahren will NRW 100 Mio. Euro an Fördergeldern bereitstellen.

„Die Unterstützung von seiten des Landes könnte besser sein“, sagt Frank Kensy, Geschäftsführer der Aachener Biotechnologie-Firma M2p-labs. Das Unternehmen hat eine neuartige Sensortechnik zur Untersuchung von Zellen und Mikroorganismen entwickelt. Bei der Gründung von M2p-labs im Jahr 2005 erhielten Kensy und seine Mitstreiter keine Fördergelder, weil die schwarz-gelbe Landesregierung die Programme ihrer Vorgänger gleich nach Amtsantritt einstellte. Auch die Forschungsförderung sei nicht sonderlich attraktiv, sagt Kensy. Die Förderquote betrage zum Teil nur 35 Prozent der Projektkosten. Auf Bundesebene gebe es weitaus bessere Programme, die bis zu 50 Prozent der Kosten übernehmen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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