AIG-Filetstücke locken Allianz

Konzern lotet Kauf von Industrieversicherungsbeständen aus · Neuer Chef will US-Versicherer erhalten

Von Herbert Fromme, Hamburg

Der Allianz-Konzern interessiert sich nach FTD-Informationen für Teile der in Turbulenzen geratenen US-Versicherungsgruppe AIG. „Die Allianz sucht Industrieversicherungsbestände in den USA und Asien“, hieß es in Versicherungskreisen. Die Allianz kommentierte dies nicht. Europa sei von geringerem Interesse, weil sich dort Geschäftsfelder und Kunden von AIG und Allianz direkt überschnitten. Ganze Gesellschaften will der Konzern nicht kaufen. Er ist mit der Allianz Global Corporate & Specialty im internationalen Industriegeschäft tätig.

Der Allianz-Nachbar Münchener Rück will ebenfalls bei einem Verkauf von AIG-Teilen bieten. Konzernchef Nikolaus von Bomhard hatte bereits am Montag ein prinzipielles Interesse angemeldet. Nach Angaben aus der Branche ist die Münchener Rück ausdrücklich nicht an dem Rückversicherer der AIG interessiert, der Transatlantic Re. „Statt dessen geht es von Bomhard vor allem um die Industrieversicherung“, sagte ein Insider. Der Konzern ist zwar über seine Tochter Ergo-Konzern ein bedeutender Erstversicherer, der direkt mit Endkunden Geschäft macht. Dabei fokussiert er sich aber bisher auf Privatkunden. Ausnahme ist lediglich die Ergo-Gesellschaft Victoria, die vor allem bei mittelständischen Unternehmen aktiv ist.

Die Münchener Rück will die Industrieversicherung vor allem – aber nicht nur – in Osteuropa und Asien. Sollte die AIG Europe in Paris als Ganzes auf den Markt kommen, würde sich die Münchener Rück das genau anschauen, sagte der Branchenkenner.

Der neue AIG-Chef Edward Liddy sagte gestern vor Mitarbeitern, er wolle das Unternehmen nicht liquidieren. „Die Versicherungsaktivitäten sind solide und gut kapitalisiert.“ AIG stand Anfang der Woche kurz vor der Insolvenz und wurde am Dienstag durch eine Kreditlinie von 85 Mrd. $ durch die US-Notenbank Federal Reserve aufgefangen. Das Unternehmen hatte sich an der lukrativen, aber höchst spekulativen Absicherung von Kreditderivaten verhoben.

Für die Kreditlinie muss AIG einen sehr hohen Zins von 8,5 Prozent über dem Referenzzins Libor zahlen – das sind mehr als 10 Mrd. $ im Jahr. Allein aus dem Grund wird in der Branche ein rascher Verkauf von AIG-Beteiligungen für wahrscheinlich gehalten. Außerdem hat sich Washington knapp 80 Prozent der AIG gesichert und den Vorstand ausgetauscht.

Industrieversicherer und Makler glauben übereinstimmend, dass der AIG-Konzern in der bisherigen Form nicht bestehen bleibt. „Die AIG wird so, wie sie ist, nicht bleiben“, sagte Leberecht Funk, Chef des viertgrößten deutschen Maklers Funk-Gruppe und Vorsitzender des Verbands Deutscher Versicherungsmakler (VDVM).

Es liege aber im Interesse der Makler und der Kunden, dass man behutsam mit dem Thema umgehe. „Die AIG-Versicherer haben schließlich trotz der Herabstufung ein gutes Rating von A+“, sagte Funk. VDVM-Vorstandsmitglied Peter Wesselhoeft von Gossler, Gobert und Wolters warnte vor Pauschalaussagen. „Wir sprechen mit unseren Mandanten, aber jeder Fall liegt anders“, sagte Wesselhoeft.

Gleichzeitig berichteten Makler gestern von zahlreichen Anfragen irritierter Kunden. „Es gibt immer einen Plan B“, sagte ein Makler, der nicht genannt werden wollte. Mancher Industriekunde wolle zwar gern an AIG festhalten. Gerade bei internationalen Programmen sei die Gesellschaft schwer zu ersetzen – erst recht, wenn es um die Managerhaftpflicht (D&O) geht. „Aber kaum jemand will seinem Aufsichtsrat oder Vorstand erklären müssen, warum die D&O-Deckung bei der AIG liegt“, sagte der Makler weiter. Deshalb suchten die Vermittler für ihre Kunden nach Alternativen im Markt.

Einen Kapazitätsengpass werde es nicht geben, sollte die AIG-Kapazität wegfallen, hieß es beim VDVM. Allerdings würde sich die reduzierte Kapazität bei den Preisen bemerkbar machen. Hier stellen die Makler ohnehin eine Bodenbildung fest. „Das Ende der Prämienreduzierungen in der Haftpflichtversicherung naht“, sagte Georg Bräuchle, Geschäftsführer beim Großmakler Marsh. „Die Turbulenzen werden in einem sich erholenden Markt die Entwicklung deutlich verstärken“, sagte Bräuchle. Ähnlich argumentierte Sven Erichsen von Aon. „Das Tal ist erreicht“, sagte er.

Quelle: Financial Times Deutschland


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