AIG-Rettung sorgt für Erleichterung

Versicherungseinkäufer hoffen auf AIG-Überleben · Probleme beiHaftpflichtrisiken drohen

Von Anja Krüger

und Ilse Schlingensiepen, Köln

D ie deutsche Wirtschaft reagiert mit Erleichterung, aber auch großer Vorsicht auf die vorläufige Rettung des US-Versicherers AIG. „Es wäre ein großer Verlust gewesen, wenn dieser Anbieter verloren gegangen wäre“, sagte Günter Schlicht, Geschäftsführer des Deutschen Versicherungsschutzverbandes (DVS). Der Verband vertritt die Interessen von Unternehmen und Kommunen in Versicherungsfragen.

Die Versicherungseinkäufer der Wirtschaft fürchten, dass der deutsche Industrieversicherungsmarkt noch enger würde, wenn AIG als Anbieter wegfällt. Durch die Fusion von Gerling und der Talanx-Tochter HDI sind zwei Wettbewerber verschmolzen. Der Markt hat ein Umsatzvolumen von 20 Mrd. Euro und wird von wenigen Adressen beherrscht: neben HDI-Gerling gehören dazu ACE, AIG, Allianz, Axa, XL und Zürich. „AIG ist ein guter Versicherer mit einem guten Standing und viel Expertise, der auch in der Lage ist, internationale Versicherungsprogramme zu stemmen und das Volumen zu bieten, das man als Dax-Unternehmen braucht“, sagte der Versicherungseinkäufer eines Dax-Unternehmens, der nicht namentlich genannt werden wollte. Er ist erleichtert über die AIG-Rettung. Schließlich leide der Versicherer nicht unter strukturellen, sondern unter Liquiditätsproblemen.

Eine Pleite von AIG würde Unternehmen vor große Probleme bei den Haftpflichtrisiken stellen. Treten Schäden erst Jahre nach der Verursachung zutage, muss bei vielen Verträgen der seinerzeit zeichnende Versicherer dafür aufkommen. Gibt es ihn nicht mehr, kann er das nicht. Firmen müssten sich in diesem Fall Rückwärtsdeckungen kaufen, also doppelt zahlen. „Wir beobachten stündlich, was passiert“, sagte Hans-Otto Geiger, Vorsitzender des Verbandes firmenverbundener Versicherungsvermittler und Versicherungschef des Frankenthaler Pumpenherstellers KSB.

„Wir brauchen AIG, aber wir müssen auch vorbereitet sein, wenn sich die Probleme trotz der Rettungsaktion verschärfen“, sagte Geiger. Das kann geschehen, wenn sich das Rating von AIG weiter verschlechtert. AIG hat Ratings zwischen „A+“ und „A-„. Einkäufer der Industrie dürfen oft kein Geschäft mit Versicherern machen, deren Rating schlechter als ein „BBB“ ist.

Die Verträge sehen ein entsprechendes Sonderkündigungsrecht vor. Viele Einkäufer haben Verträge für 2009 bereits ausgehandelt. „Ich werde wie viele Kollegen die zum 1. Januar ausgehandelten Verträge nicht sofort unterschreiben, sondern einige Wochen abwarten“, sagte Geiger. Dabei gehe es nicht darum, AIG unter Druck zu setzen. „Wir wollen nicht die Reißlinie ziehen“, sagte er. „Man sollte keine Panik verbreiten.“

Das sieht auch der Einkäufer des Dax-Konzerns so, obwohl auch er vorsichtig ist. Die Verhandlungen, die der Konzern mit Industrieversicherern über die Vertragserneuerungen führt, seien schon weit gediehen. „Die Risikoanalyse ist bei uns noch nicht abgeschlossen“, sagte er. „Wir werden jetzt Sparte für Sparte prüfen, wie wir uns aufstellen und welche Sicherheitsmechanismen wir jeweils einziehen können.“ Das Unternehmen habe aber nicht die Absicht, AIG die kalte Schulter zu zeigen. „Es wäre fatal, wenn man ein solches Signal setzen würde. Die Kettenreaktion, die das auslösen würde, wäre das Schlimmste, das passieren könnte.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit