AIG verliert wichtige Partner

Versicherer wollen Konsortium nicht fortsetzen · Verkaufsliste kommt AnfangOktober

Von Herbert Fromme, Köln

Der angeschlagene US-Versicherer American International Group (AIG) hat in einem wichtigen Geschäftsfeld zwei Kooperationspartner verloren.

Travelers, Nummer zwei im Geschäft mit der Firmenversicherung, und Chubb wollen nicht mehr gemeinsam mit AIG Bauunternehmen mit Garantien für die Fertigstellung von Gebäuden versorgen. Auftraggeber verlangen diese Garantien von den Baufirmen, damit sie bei einer Pleite nicht auf dem halbfertigen Bau sitzenbleiben, für den sie schon Anzahlungen geleistet haben.

Travelers und Chubb steigen aus dem gemeinsamen Geschäft aus, teilte der Versicherungsmakler Marsh in einer Telefonkonferenz mit. Travelers habe sich bereit erklärt, bis Mitte November AIG-Anteile an den Risiken selbst zu übernehmen, sagte Mark Nickel, Chef der Bausicherheitenabteilung bei Marsh in Rochester bei New York.

Der Rückzug der beiden langjährigen Kooperationspartner zeigt die Probleme, die AIG im Markt hat. Zahlreiche Industrieunternehmen, die bei AIG versichert sind, suchen nach Marsh-Angaben Alternativen. Andere Makler berichten ebenfalls von Absetzbewegungen.

AIG stand am 16. September kurz vor der Insolvenz, weil es sich mit Absicherungen von Hypothekenanleihen gewaltig verspekuliert hatte. Nur durch eine Kreditlinie der US-Regierung in Höhe von 85 Mrd. $ konnte sich der Konzern retten. Im Gegenzug gehören der Regierung jetzt 80 Prozent von AIG.

Außerdem muss das Unternehmen 8,5 Prozent Zinsen auf den Gesamtbetrag zahlen, auch für die Teile der Kreditlinie, die es nicht in Anspruch nimmt. Dazu kommt der Standard-Zinssatz Libor für die in Anspruch genommenen Summen, sowie einmalig 1,7 Mrd. $ für die Kreditausstellung. Die Zinsbelastung dürfte so deutlich über 9 Mrd. $ pro Jahr liegen.

Dadurch steht der von der Regierung eingesetzte Firmenchef Edward Liddy unter einem gewaltigen Druck, rasch Teile des Konzerns zu verkaufen, um Schulden- und Zinslast zu senken.

Wegen der harten Bedingungen des Rettungspakets dürfte es einer Gruppe von Aktionären um den früheren AIG-Chef Maurice Greenberg sehr schwer fallen, die angestrebte Alternativlösung zu verwirklichen. Greenberg und andere wollen Gelder auftreiben, mit denen das Regierungsdarlehen zurückgezahlt werden soll. „Greenberg hatte immer schon einen netten Sinn für Humor“, kommentierte ein leitender AIG-Manager gegenüber der FTD.

AIG-Chef Liddy will am 3. Oktober bekannt geben, welche Konzernteile zum Verkauf gestellt werden sollen. Er hat dabei einen komplizierten Balanceakt vor sich. Einerseits muss er den Kapitalmärkten die Sicherheit geben, dass AIG das Regierungsdarlehen zurückzahlen kann. Sonst verhindern die Zinsbelastungen ordentliche Gewinne. Gleichzeitig muss er den Versicherungskunden zusichern, dass AIG im Kerngeschäft erhalten bleibt, sonst kehren noch mehr von ihnen dem Konzern den Rücken.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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