Branche erwartet Zerschlagung von AIG

Verstaatlichung der American International Group sorgt für Unsicherheit ·Rivalen bringen sich für Zukäufe in Stellung

VON Sebastian Bräuer, New York,

und Herbert Fromme, Köln

Die Verstaatlichung des US-Versicherers American International Group (AIG) kurz vor der drohenden Insolvenz wird sehr wahrscheinlich zu einer Zerlegung des gigantischen Finanzkonzerns führen. Das erwarten übereinstimmend große Marktteilnehmer. „Das dauert keine zwei Jahre. In sechs Monaten ist das zerlegt“, sagte ein Vorstandsmitglied eines bedeutenden Konkurrenten, der nicht genannt werden wollte.

Es handelt sich offenbar nicht um eine langfristige Rettung, sondern um eine kontrollierte Sprengung des Versicherungsgiganten. Die US-Regierung zog das einem unkontrollierten Kollaps vor, der weitreichende Schockwellen vor allem in den Bankensektor geschickt hätte. Denn gescheitert ist AIG an einst lukrativen Absicherungen von 441 Mrd. $ auf Anleihen, die auf Hypotheken beruhten – nicht am Versicherungsgeschäft.

US-Experten wiesen gestern darauf hin, dass die Verstaatlichung von AIG die fundamentalen Probleme keineswegs löse. „Dadurch gewinnen die Beteiligten ein bisschen Zeit, aber eine wirkliche Lösung ist es nicht“, sagte Peter Bickford, unabhängiger Versicherungsberater, der seit Jahrzehnten den US-Versicherungsmarkt beobachtet. „Alles hängt davon ab, ob sie Käufer finden“, sagte er. Das würde nicht nur die Notenbank Fed entlasten, sondern auch dem Aktienkurs zu einer Erholung verhelfen. Gestern ging der Kurs erst einmal weiter auf Talfahrt und sank bis zu 47 Prozent auf 1,99 $. Später erholte sich das Papier leicht.

Trotz des starken Drucks der US-Bundesregierung waren private Banken am Wochenende und am Montag nicht bereit gewesen, AIG die dringend benötigten 70 bis 80 Mrd. $ zu leihen, ohne die der Konzern im Laufe der Woche hätte Insolvenz anmelden müssen. Deshalb stellte die Notenbank Federal Reserve selbst am Dienstagabend überraschend eine Kreditlinie von 85 Mrd. $ bereit. Der Zins wird 8,5 Prozent über Libor liegen, dem Standardsatz von Banken für Ausleihungen untereinander. „Die US-Regierung wird 79,9 Prozent an AIG erhalten sowie das Recht, ihr Veto gegen die Zahlung einer Dividende einzulegen“, teilte die Federal Reserve mit. Daneben hat die Fed das Recht, die AIG-Führung auszutauschen.

Bereits am Dienstag teilte Finanzminister Henry Paulson, früher Chef von Goldman Sachs, dem AIG-Vorsitzenden und früheren Citi-Bankvorstand Robert Willumstad mit, er sei entlassen. Nachfolger wird Edward Liddy, der von 1999 bis 2006 den Privatkundenversicherer Allstate geleitet hat. Davor war Liddy an der Zerlegung des Mischkonzerns Sears Robuck beteiligt, zu dem Allstate gehörte. Liddy sitzt im Board von Goldman Sachs, Paulson kennt ihn gut.

Auf dem Handelsparkett der New York Stock Exchange herrschte am Tag nach der Verstaatlichung Fassungslosigkeit über den Niedergang des einst weltgrößten Versicherers. Immer wieder bildete sich eine Traube von Händlern vor dem Handelsdesk von AIG. „Das ist ein absolutes Desaster“, sagte ein Händler über die Verstaatlichung. „Die Regierung konnte nicht anders, aber das wird auch andere Versicherer in den Abwärtsstrudel reißen.“

Vor allem europäische Großindustriekunden begrüßten gestern die AIG-Rettung. Sie schätzen das Unternehmen als zuverlässigen Partner mit weltweiter Präsenz. Allerdings wächst auch bei ihnen die Angst vor weiteren Turbulenzen. Zahlreiche Unternehmen prüfen, ob sie in den Verträgen für das Jahr 2009 die Anteile der AIG an ihren Versicherungsprogrammen neu definieren.

Rivalen dagegen bereiten sich auf die Zerlegung des Kolosses vor. AIG hat äußerst attraktive Versicherungstöchter, die für alle großen Anbieter interessant wären. Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard meldete schon am Montag Interesse an. Andere werden folgen. „Wir haben jetzt schon die ersten Abwerbeversuche für ganze Teams erlebt“, sagte ein AIG-Insider. AIG ist einer der größten Industrieversicherer der Welt, die schärfsten Konkurrenten sind Allianz, Zurich Financial Services, Ace, Axa und XL. „Wir stehen bereit, wenn Kunden oder Makler Hilfe brauchen“, sagte ein Allianz-Sprecher zur Krise. Zu einem möglichen Interesse der Allianz an AIG-Unternehmensteilen wollte er sich nicht äußern. Ebenso schweigt der Konzern zu einer Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg, wonach sich Allianz und US-Investor JC Flowers vergangene Woche gemeinsam an einer AIG-Rettung beteiligen wollten.

Die Versicherungsmakler geben sich offiziell neutral. Solange die AIG-Versicherer das trotz der Absenkung noch gute Rating von „A+“ halten, gebe es keinen Grund, nicht an sie zu vermitteln, heißt es übereinstimmend bei den Großmaklern. Aber hinter vorgehaltener Hand geben die Manager der Makler zu, dass es schwieriger wird, Kunden von Platzierungen bei AIG zu überzeugen.

Die Analysten der Investmentbank JP Morgan sehen positive Auswirkungen für die Branche. „Es wird Kapazität (oder Kapital) vom Markt abgezogen.“ Das reduziere den Preisdruck, der in der Industrieversicherung herrscht.

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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