Finanzkrise bringt Schiffbauer in Not

Kieler Lindenau-Werft schlittert in Insolvenz · Vorfinanzierung neuerAufträge zunehmend schwierig

VON Patrick Hagen

und Katrin Berkenkopf, Hamburg

Die Kieler Lindenau-Werft ist zahlungsunfähig. „Wir haben heute einen Insolvenzantrag gestellt“, sagte eine Sprecherin am Montag. Dem Unternehmen war es nicht gelungen, von den Banken die benötigten Bürgschaften zu erhalten. Die Finanzkrise schlägt damit auch bei den deutschen Schiffbauern durch.

Die Pleite schürt Befürchtungen weiterer Insolvenzen im deutschen Schiffbau. „Bei kleineren und familiengeführten Werften werden wir in diesem Jahr noch einige Fälle dieser Art sehen“, sagte Herbert Aly, Vorstandsmitglied bei ThyssenKrupp Marine Systems, der größten deutschen Werftengruppe. Dagegen erwartet der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) keine größere Welle an Insolvenzen. „Wir sind hoffnungsvoll, dass es keine weiteren Fälle geben wird“, sagte VSM-Chef Werner Lundt.

Vor Lindenau hatte Ende Juni bereits die Cassens Werft in Emden Insolvenz angemeldet. Sie verwies auf Finanzierungsprobleme eines Kunden. Die beiden Werften gehören zu den kleineren. Gerade sie leiden unter unzureichender Eigenkapitalausstattung. Üblicherweise erhalten die Schiffbauer 20 Prozent Anzahlung auf ihre Aufträge, den größten Teil müssen sie bis zur Ablieferung des Schiffs vorfinanzieren. Der Besteller verlangt gleichzeitig eine Bankgarantie, um sicherzugehen, dass der Werft nicht das Geld ausgeht und er am Ende ohne Schiff dasteht. Gerade das wird aber immer schwieriger.

„Die Verhandlungen mit den Banken haben mehrere Wochen, wenn nicht gar Monate gedauert“, erklärte die Sprecherin. „Das Problem sind nicht mangelnde Aufträge.“ Deshalb hofft Lindenau auf eine Fortführung des Geschäfts. Die Werft informierte ihre 370 Mitarbeiter gestern auf einer Betriebsversammlung. Für 225 Mio. Euro stehen noch Aufträge in den Büchern, und die Werft habe keine Schulden. Eine Option sei es, die Werftausrüstung wie etwa Kräne zu beleihen, um frisches Geld zu bekommen. Das Unternehmen ist bekannt für den Bau von kleineren Tankern.

Lindenau sei an der Krise selbst nicht unschuldig, hieß es in Finanzkreisen. „Die Werft konnte keine belastbaren Zahlen für das erste Halbjahr oder einen Geschäftsplan für dieses Jahr vorlegen. Es gab nicht einmal eine testierte Bilanz für 2007“, erklärten Banken.

Deutsche Reeder bekommen bereits seit einiger Zeit die Finanzkrise zu spüren. Es ist schwieriger und teurer geworden, Kredite für neue Schiffe zu erhalten. „Die meisten europäischen Banken haben ihre Bücher für dieses Jahr bereits geschlossen“, sagte Tobias König, geschäftsführender Gesellschafter beim Fondshaus und Schiffsfinanzierer König & Cie, auf einer Konferenz von FTD, Lloyd’s Shipping Economist und Hamburg Messe.

„2009 wird es noch härter als jetzt“, erwartet er. „Dies ist aber keine Schifffahrtskrise, sondern eine Finanzkrise.“ Syndizierungen, bei denen Banken große Kredite nachträglich untereinander aufteilen, funktionieren kaum noch. Dies war aber in der Schiffsfinanzierung üblich. Statt ganze Serien von Schiffen zu finanzieren, stellen sie deshalb nur noch Geld für einen oder zwei Frachter bereit.

König forderte ein stärkeres Engagement asiatischer Banken, die interessiert sein müssten, dass die Werften in Asien ihre Aufträge problemlos abwickeln. Tatsächlich verstärken bereits seit einiger Zeit die Exportagenturen von Südkorea und China ihre Aktivitäten bei der Schiffsfinanzierung. Viele Experten glauben außerdem, dass es dem Markt guttun wird, wenn nicht alle bis jetzt bestellten Schiffe abgeliefert werden und Aufträge storniert werden müssen. Das würde drohende Überkapazitäten verringern.

„Jetzt hilft es, eine Hausbank zu haben“, sagte Markus Lange, Geschäftsführer der Reederei Vogemann. Viele Reeder hätten in der Vergangenheit die Bank gewechselt, je nachdem, wer bessere Konditionen gab. Das räche sich jetzt.

Der Auftragsbestand der Reeder weltweit für neue Schiffe liegt bei mehr als 500 Mrd. $. Gleichzeitig ist für alle Segmente der Schifffahrt eine Abkühlung in Sicht. „Das wird eine große Herausforderung“, sagte Martin Stopford vom Analysehaus Clarkson. In den vergangenen Boomjahren hätten viele Reeder allerdings enorm viel Geld verdient. Sollte ein Auftraggeber sein Schiff nicht mehr bezahlen können, stehe der nächste bereit, so Stopford.

www.FTD.de/schiffbau

Einschätzungen zur Branche

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit