Kurssturz bringt Versicherer AIG in Zugzwang

Konzern will Finanzinvestoren für Kapitalspritze gewinnen

Von Sebastian Bräuer, Julie MacIntosh, Greg Farrell, New York,

und Herbert Fromme, Köln

D er angeschlagene größte US-Versicherer American International Group (AIG) wird sehr wahrscheinlich schon heute weitreichende Notmaßnahmen bekannt geben. Eigentlich wollte AIG-Chef Robert Willumstad – seit Juni im Amt – erst am 25. September einen Plan vorstellen, wie er den angeschlagenen Konzern sanieren will. Doch geben ihm die Finanzmärkte nicht so viel Zeit.

Gleichzeitig verhandelt AIG nach Informationen der Financial Times mit Finanzinvestoren über eine Kapitalspritze in Höhe von 10 bis 20 Mrd. $. Demnach hat AIG mit Kohlberg Kravis Roberts, TPG und JC Flowers gesprochen, die gemeinsam einspringen könnten.

Am Freitag verschärfte sich an der Wall Street die Sorge, dass AIG das Kapital ausgehen könnte. Die Aktie stürzte erneut um mehr als 30 Prozent auf 12,14 $ ab. Seit Jahresanfang ist der Wert des Papiers um 79 Prozent zusammengeschmolzen.

Gleichzeitig kletterte am Freitag der Preis für Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) auf ein Rekordhoch. Mit den Derivaten sichern sich Anleger gegen Ausfallrisiken ab. Am Freitagvormittag lag der Preis für CDS-Kontrakte auf AIG-Papiere bei 780 Basispunkten. Damit zahlten die Investoren für die Absicherung eines AIG-Kreditausfalls sogar mehr als für die CDS-Kontrakte der ums Überleben kämpfenden Bank Lehman Brothers.

S&P schürt Misstrauen

Die Kreditkrise trifft AIG genau in dem Moment, in dem das Unternehmen einen Bilanzskandal überwunden glaubte. AIG-Chef Willumstad war vorher Chairman, er übernahm die Leitung im Juni wegen der krisenbedingten Verluste. Ex-Chef Martin Sullivan, der 2005 den wegen des Bilanzskandals entlassenen langjährigen Chef Maurice Greenberg beerbt hatte, musste damals gehen.

Zum Vertrauensverlust der Anleger trug die Ankündigung der Ratingagentur Standard & Poor’s bei, die AIG-Bewertung von „AA-“ auf Beobachtungsstatus mit negativen Implikationen zu setzen – die Vorstufe für eine Bonitätsherabstufung. Das würde AIG ins Mark treffen, da das Rating für die Kaufentscheidung von Versicherungskunden aus der Wirtschaft die entscheidende Größe ist.

Das starke Engagement am Kreditderivatemarkt könnte für AIG verhängnisvoll werden. Nach wie vor ist unklar, wie hoch die drohenden Verluste sind. Sanford-C.-Bernstein-Analyst Todd Bault rechnet damit, dass AIG 20 Mrd. $ an frischem Kapital benötigt, um Risiken aufzufangen. Auch die Folgen der Verstaatlichung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac dürften AIG Geld kosten. Der Konzern hat JP Morgan angeheuert, um Verkäufe von Beteiligungen und Töchtern zu prüfen. Laut der britischen „Sunday Times“ steht auch der AIG-Anteil von 59 Prozent am Rückversicherer Transatlantic Holdings zum Verkauf.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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