Lockruf in die Welt

Bunt, tolerant, wirtschaftsfreundlich – so stellen die Stadtväter ihreMetropole dar. Vor allem in Indien und China soll das Eindruck machen

VON Anja Krüger

und Patrick Hagen

Viele Tausend Demonstranten haben am vergangenen Wochenende in Köln Widerstand gegen den „Anti-Islamisierungskongress“ der rechtsextremen Bürgervereinigung Pro Köln geleistet. Nur 50 Kongressteilnehmer schafften es, die Blockaden zu überwinden und zum Versammlungsort zu gelangen – angekündigt waren 1500. Die Proteste zogen sich durch die ganze Bevölkerung. Fensterläden blieben geschlossen, Taxifahrer, Wirte und Hoteliers versagten den Rechten ihre Dienste. „Köln ist bunt – nicht braun“, so CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma in einem Dankesschreiben an die Bürger, Polizei und Organisatoren. Die Kölner haben wieder einmal gezeigt, dass ihre vielzitierte Toleranz mehr ist als eine Worthülse.

Die Wirtschaftsförderung der Stadt macht sich das Image der bunten Metropole zunutze. In ihrem Werbefilm sollen Bilder von Papstbesuch, WM-Fans und der Schwulenparade belegen, dass in der „Stadt mit Charme und Charakter“ ein „hinreißender Mix aus Offenheit und gelebter Weltanschauung“ herrscht. Doch in der Domstadt ist nicht nur die Laune gut, hier stimmen auch die harten Standortfaktoren. Die sonore Sprecherstimme im Werbefilm erzählt von „wegweisendem Innovationspotenzial“. Und rät: „Entdecken Sie die viertgrößte deutsche Stadt im größten Wirtschaftsraum Europas.“ In Brasilien, den Niederlanden, der Türkei und anderswo werben Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans oder OB Schramma mit dem Film.

„Köln hat eine große Vielfalt anzubieten“, sagt der Wirtschaftsdezernent. Ford, die Deutz AG und andere machen Köln zur Motorstadt, RTL, WDR und Konsorten zur Medienstadt. Auch Chemie, Handel, Maschinenbau und Versicherer sind stark vertreten. „Es ist schwer, diese Vielfalt zuzuspitzen“, räumt Walter-Borjans ein. Der Sozialdemokrat will Köln international als Marke etablieren. Zwei Zutaten dafür seien bereits vorhanden: der bekannte Name und das Markenzeichen Dom, die meistbesuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands. Was noch fehle, sei die dritte Zutat für eine Marke: die Botschaft, für die sie steht. „So wie die Hafenstadt, die Hauptstadt oder die Bankenstadt.“

Die Vertreter der Stadt Köln werben mit großem persönlichen Einsatz für den Standort. Walter-Borjans war im Rahmen der „China-Offensive“ gerade in Asien, Schramma fährt für die „Indien-Offensive“ im November in das Land. Mit dem IT-Berater Mindtree und dem Softwarekonzern Wipro haben sich bereits zwei indische Unternehmen für Köln entschieden.

Der Aufwand lohnt sich. „Die Stadt Köln verkauft sich gut“, sagt Nicole Freigeber von Revisco. Die Projektentwicklungsgesellschaft hat gemeinsam mit Hochtief das Konzept für den neuen Rheinauhafen entwickelt. Das Rheinau-Art-Office soll der modernste Bürokomplex Europas werden. Im Rheinauhafen hat sich Microsoft angesiedelt. Der Softwaregigant ist mit seiner NRW-Zentrale von Neuss hergezogen. „Der Rheinauhafen ist die attraktivste Lage im südlichen Nordrhein-Westfalen“, sagt Achim Berg, Deutschlandchef von Microsoft. Weitere Firmen folgen im Windschatten des Riesen.

Unternehmen schätzen die gute Verkehrsanbindung. Mit dem ICE ist der Frankfurter Flughafen in knapp einer Stunde zu erreichen, die Airports Köln/Bonn und Düsseldorf sind ohnehin nur einen Katzensprung entfernt. Der Autobahnanschluss ist ebenfalls gut – auch wenn der Kölner Autobahnring für seine Staus berüchtigt ist.

Auch für Privatleute hat Köln viel zu bieten. Neben mehr als 200 Kirchen begründen zahlreiche renommierte Museen und Galerien den Ruf Kölns als Kunstmetropole. Die Oper, zahlreiche Theater, die Veranstaltungshalle Kölnarena und die Philharmonie bieten Anspruchsvollen eine breite Programmauswahl.

Eines ist die Metropole allerdings nicht: schön. „Köln ist ein bisschen struppig“, sagt Baudezernent Bernd Streitberger. Es gibt kein einheitliches Stadtbild, Bausünden aus der Nachkriegszeit springen vielerorts ins Auge. Aber es gibt Hoffnung, die Stadt wechselt das Gesicht. „In den nächsten zehn bis zwölf Jahren werden wir die gesamte Innenstadt sukzessive verändern“, sagt Streitberger. Zum Beispiel soll das 70 000 Quadratmeter große Areal, auf dem früher der Versicherer Gerling residierte, zu einem innerstädtischen Wohn- und Arbeitsgebiet mit Gastronomie werden. Auch die Gegend um das Hahnentor am Rudolfplatz und den Barbarossaplatz will Streitberger freundlicher gestalten. Wenn alles klappt, wird die Stadt dafür rund 100 Mio. Euro an Investitionsmitteln zur Verfügung stellen. Streitberger erwartet, dass dies private Investitionen zwischen 400 und 500 Mio. Euro nach sich zieht. Bis 2020 soll die Rundumerneuerung der Innenstadt abgeschlossen sein.

Im Rheinauhafen ist bereits ein neues Viertel entstanden. Der Hauptbahnhof ist frisch renoviert, der dahinterliegende Breslauer Platz wird umgestaltet. Hier könnte das Fußballmuseum des Deutschen Fußballbunds (DFB) einen Platz finden. Köln hat sich wie Gelsenkirchen und Dortmund dafür beworben. „Nach einer Untersuchung des DFB ist Köln der bestgeeignete Standort“, sagt Streitberger. Der DFB entscheidet Ende Oktober. Am Breslauer Platz soll auch die neue Nord-Süd-Bahn starten, die den Bahnhof mit der Südstadt verbinden wird. Im Jahr 2010 soll der Bau abgeschlossen sein. Bis dahin gräbt sich die Großbaustelle über Straßen und Plätze und sorgt für ein wanderndes Verkehrschaos.

Den Immobilienstandort beeinträchtigt das nicht. „Entlang der Rheinschiene ist wirtschaftlich viel in Bewegung“, sagt Frank Kirsch von der Firma Wahrzeichen, die für Immobilienbetreiber Vermarktungs- und Entwicklungskonzepte erstellt. „Das spiegelt sich im Immobilienmarkt wider.“ Davon profitieren vor allem die Verkäufer von hoch preisigen Objekten. „Köln hat hier Nachholbedarf“, sagt Kirsch. Vor allem bei Objekten ab 500 000 Euro ist die Nachfrage groß.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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