Mächtige Einkäufer mit guten Kontakten

Die konzerneigenen Vermittler sind in der Industrieversicherung eineentscheidende Größe. Für die Anbieter sind sie attraktive Verhandlungspartner,weil sie große Summen bewegen und viel über ihr Unternehmen wissen. Freie Maklerwürden ihnen gerne das Geschäft aus der Hand nehmen

VON Ilse Schlingensiepen

Beim Bau zweier neuer ThyssenKrupp-Stahlwerke in den USA und in Brasilien sind die Mitarbeiter der ThyssenKrupp Risk and Insurance Services von Anfang an dabei. „Unsere Arbeit beginnt schon vor dem ersten Spatenstich“, sagt Geschäftsführerin Ilona Stumm. Für den Standort der Anlage im US-Bundesstaat Alabama prüften die Experten die Gefährdung durch Hurrikans oder Überflutungen. Später ging es darum, die passende Bauversicherung zu finden. Ist das Werk erst einmal fertig, muss sich das Essener Unternehmen um Feuer- und Haftpflichtdeckungen kümmern.

Aufgabe von ThyssenKrupp Risk and Insurance ist es, für die rund 1000 Unternehmen des Konzerns das versicherungsbezogene Risikomanagement sicherzustellen, den individuellen Deckungsbedarf zu ermitteln und die entsprechenden Policen einzukaufen. „Wir sind für alles, was mit Versicherung zu tun hat, die zentral zuständige Stelle im Konzern“, sagt Stumm. Das Unternehmen kümmert sich ausschließlich um die Industrieversicherung von ThyssenKrupp.

Die 25 Mitarbeiter brauchen den ständigen Kontakt mit den unterschiedlichen Segmenten des Konglomerats. Sie reden mit Finanzverantwortlichen ebenso wie mit Ingenieuren und anderen Fachleuten. „Die notwendigen Informationen bekommen wir nur vor Ort, wir sind daher viel unterwegs“, sagt sie.

Das Team holt sich auch Hilfe von außerhalb. „Wir arbeiten mit den international tätigen Großmaklern zusammen.“ Anbieter wie Aon, Marsh und Willis kommen ins Spiel, wenn es darum geht, im Ausland adäquate Deckungen zu finden. In Deutschland verlässt sich das Unternehmen im Wesentlichen auf die eigenen Verbindungen. „Ausnahme sind Teilbereiche wie die Werften. Da holen wir Spezialmakler hinzu, die das spezifische Fach-Know-how vorhalten.“

Fachwissen ruft ThyssenKrupp Risk and Insurance auch direkt bei den Industrieversicherern ab, etwa bei der Einschätzung von Naturkatastrophen. „Beim Werk in Alabama haben wir die Versicherer sehr früh ins Boot geholt, wir können von ihrem Erfahrungsschatz profitieren.“ Für die Versicherer ist das Unternehmen ein attraktiver Kunde. Es bringt Prämien „im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich“ auf den Markt, sagt Stumm.

Über konzerneigene Makler werden in der Industrieversicherung 40 bis 60 Prozent des Prämienvolumens vermittelt, sagt Hans-Otto Geiger. Er ist Chef des zum Pumpenhersteller KSB gehörenden Vermittlers Palatina und Vorsitzender des Bundesverbands firmenverbundener Versicherungsvermittler. Ende 2007 hat der Verband ein prominentes Mitglied verloren: RWE machte aus dem Vermittler Rhenas eine Versicherungsabteilung des Konzerns.

„RWE ist ein absoluter Einzelfall. Es gibt keinen Trend, dass sich die Unternehmen von ihren Vermittlern trennen“, sagt Geiger. „Die firmenverbundenen Vermittler haben weiter ihren Platz in der Industrieversicherung“, bestätigt Günter Schlicht, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Versicherungsschutzverbands, der Lobby der versicherungsnehmenden Industrie. Dass sich die Firmenverbundenen in den Konzernen gut auskennen, macht sie für die Versicherer zu einem attraktiven Verhandlungspartner, glaubt Geiger. „Wir sind im Markt für industrielle Risiken interessanter als der normale Makler.“

Das sieht Hans-Georg Jenssen anders. Er ist Geschäftsführender Vorstand des Verbands Deutscher Versicherungsmakler. Der Verband vertritt die Interessen der vor allem im Industrie- und Gewerbegeschäft tätigen Makler, die nicht an ein Unternehmen gebunden sind. „Die Tätigkeit der Firmenverbundenen kann ebenso gut ein Makler wahrnehmen“, sagt Jenssen.

Verbundene und unabhängige Vermittler profitieren davon, dass der Markt in der Industrieversicherung zurzeit sehr käuferfreundlich ist. Die Preise sinken seit einigen Jahren. „Wir sind in der Talsohle angekommen, viel weiter kann es eigentlich nicht nach unten gehen“, sagt Geiger. In den meisten Fällen sei es für die Vermittler nicht schwer, im Markt passende Deckungen für die Unternehmen zu finden. „Wenn die Schadensquote und die Industriesparte stimmen, gibt es keine Probleme“, sagt er.

Schwierig sind etwa Pharma-Haftpflichtdeckungen. Auch die Kapazitäten in der Industrieversicherung seien ausreichend. Hier schlage sich die Präsenz großer internationaler Versicherer wie AIG, Axa oder Chubb nieder. „Früher ist man in Deutschland immer nur zu einem deutschen Anbieter gegangen, das ist vorbei“, sagt Geiger.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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