Tausendsassa am Rhein

Schön, reich und modern: Noch immer haftet Düsseldorf sein Luxusimage an.Dabei gerät oft in Vergessenheit, dass die Stadt nicht nur Werbehochburg undMetropole der Informationstechnik und Telekommunikation ist, sondern auch einIndustriestandort

VON Anja Krüger

Düsseldorf ist die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland – aus Sicht der Mitarbeiter internationaler Unternehmen. Das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung Mercer hervor. Damit liegt die Stadt in der Gunst der Ausländer noch vor Frankfurt und München. Allerdings nur um Haaresbreite. „Düsseldorf gewinnt durch sein gutes Erholungs- und Freizeitangebot“, sagt Petra Lück von Mercer.

Mercer untersuchte die Lebensqualität in 215 Großstädten auf der ganzen Welt. Düsseldorf schaffte es weltweit auf Platz sechs – nach Zürich, Wien, Genf, Vancouver und Auckland. Eine gute Gesundheitsversorgung und Verkehrsanbindung können viele vorweisen. So viele interessante Kunst- und Kulturangebote, Kinos und Restaurants wie Düsseldorf haben die meisten aber nicht.

„Düsseldorf gilt im Ausland als außerordentlich weltoffene und freundliche Stadt“, sagt Udo Siepmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. Rund 585 000 Menschen leben hier, etwa 100 000 von ihnen haben keinen deutschen Pass. Düsseldorf ist berühmt für seine mehrere Tausend Mitglieder starke japanische Gemeinde und die vielen japanischen Firmen. Auch für Unternehmen aus anderen Ländern ist der Standort attraktiv. Mehr als 5000 mit internationalem Kapital ausgestattete Betriebe sitzen in Düsseldorf oder der unmittelbaren Umgebung.

Viele auswärtige Unternehmen lassen sich gezielt in Düsseldorf nieder, um von hier aus den Sprung auf den europäischen Markt zu wagen. Die Stadt liegt in einem der dichtesten Wirtschaftsräume der Welt, die Märkte der Benelux-Länder und Frankreich sind direkt vor der Haustür. „Hier finden Unternehmen Handelspartner und Konsumenten“, sagt Siepmann. Und sie finden ein großes Potenzial an gut ausgebildeten Arbeitskräften. „Wir schöpfen Fachkräfte aus den Regionen über die Stadt Düsseldorf hinaus“, sagt Siepmann.

Gelassen durch die Krise

Gut die Hälfte der Beschäftigten und der Auszubildenden kommt aus dem Umland, etwa aus den Kreisen Kleve, Viersen und Wesel oder aus Städten des nahen Ruhrgebiets. Täglich stellen die Pendlerströme den öffentlichen Nahverkehr auf die Probe. Züge und S-Bahnen kommen oft bis zum Unerträglichen überfüllt und mit Verspätung in Düsseldorf an, vor allem bei schlechten Wetterbedingungen. Mit Kritik am öffentlichen Nahverkehr wird daher auch nicht gespart. „Für Firmen ist es essenziell, dass ihr Personal pünktlich und zuverlässig den Arbeitsplatz erreichen kann“, sagt Siepmann.

Düsseldorf gilt als wohlhabend. Glamour und Luxus sind hier zu Hause. Das wird wohl auch so bleiben, obwohl die internationale Finanzkrise an der Stadt nicht spurlos vorbeigeht. Die krisengeschüttelte Bank IKB hat hier ihren Sitz, die WestLB wird Hunderte von Arbeitsplätzen abbauen. Doch die Stadt geht gelassen damit um. „Der Finanzsektor ist nur einer unter vielen Sektoren, die Wirtschaftskraft ist gut verteilt“, sagt Siepmann.

Ob Berater oder Biotechnologie, Kommunikations- oder Konsumgüter, Mode oder Medien, Werbewirtschaft oder Welthandel – Düsseldorf gehört in vielen Branchen zur Spitze. Der Mittelstand ist stark, 99 Prozent der Düsseldorfer Firmen haben weniger als 500 Mitarbeiter.

Diese 38 000 Betriebe beschäftigen drei Viertel der 455 000 in der Stadt tätigen Arbeiter und Angestellten. Für sie hat die Stadt das virtuelle Mittelstandsbüro im Internet geschaffen. Dort finden Unternehmen etwa 130 für den Mittelstand relevante Formulare, sämtliche städtischen Ausschreibungen und einen Gewerbemietspiegel. Unterstützung bekommt die Wirtschaft auch vom neuen CDU-Oberbürgermeister Dirk Elbers, der nach dem Tod seines Vorgängers und Parteifreunds Joachim Erwin im August gewählt wurde. Elbers will die Gewerbesteuer senken.

Doch manche fürchten, dass bei aller Ausrichtung auf die Zukunft der Blick für die klassischen Akteure der Wirtschaft verloren geht. „Die Stadt will chic und modern sein. Dabei geht unter, dass Düsseldorf auch ein Industriestandort ist“, sagt Klaus Reuter, der Vorsitzender des DGB in der Rheinmetropole ist. Lange habe in Düsseldorf die Meinung vorgeherrscht, der Informationstechnologie und der Werbung gehörten die Zukunft. Im öffentlichen Bewusstsein seien die Traditionsbranchen wie Chemie, Maschinenbau, Stahlverarbeitung oder Konsumgüterhersteller ins Hintertreffen geraten.

Deshalb sorgen die Firmen nun selbst dafür, dass sich das ändert. Unternehmen aus dem Düsseldorfer Süden haben eine eigene Interessensvertretung gegründet. Die Mitglieder des „Industriekreises Düsseldorf-Süd“ wollen die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, dass die Landeshauptstadt ein starker Industriestandort ist, für dessen Erhalt die Stadt Einsatz zeigen muss. Zu den Mitgliedern des Kreises gehören große bekannte Unternehmen wie der Chemiekonzern Henkel, der Hygieneartikelhersteller Hakle-Kimberly, der Nahrungsmittelproduzent Zamek sowie die Stahlspezialisten Vallourec & Mannesmann und Corus.

Nirgendwo wird der Konflikt zwischen alten und neuen Branchen sichtbarer als im Hafen. Der Düsseldorfer Medienhafen hat sich zu einem attraktiven Gastronomie- und Bürozentrum entwickelt, der auch als Wohnort stärker erschlossen werden soll. Hafenbetreiber und Unternehmen, die auf den Verkehrsweg Fluss angewiesen sind, stemmen sich gegen die Pläne der Stadt. Die Nachbarschaft könnte die produzierenden und transportierenden Branchen erheblich belasten, etwa durch Klagen gegen Geruchs- und Lärmemissionen. Noch ist nicht ausgemacht, welche Seite gewinnen wird. IHK-Geschäftsführer Siepmann: „Wir sind zuversichtlich, dass wir eine industrie- und logistikfreundliche Lösung finden.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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