AIG braucht weitere Milliardenhilfe

US-Notenbank Fed gewährt Versicherer 37,8 Mrd. Dollar · Europatochterunterstreicht Eigenständigkeit

Von Francesco Guerrera,

Astrid Dörner, New York,

und Herbert Fromme, Köln

D ie US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat dem angeschlagenen US-Versicherer American International Group (AIG) eine weitere staatliche Liquiditätshilfe in Höhe von 37,8 Mrd. $ gewährt. Das frische Geld kommt zusätzlich zu der Kreditlinie von 85 Mrd. $, die AIG von der Notenbank am 16. September erhalten hatte, um den Konkurs zu vermeiden. Von dieser ersten Spritze hatte AIG zu Beginn dieser Woche 61 Mrd. $ verbraucht.

Mit der neuen Hilfe will die Fed das umfangreiche Wertpapierausleihgeschäft der AIG-Versicherungstöchter stützen. Vor der Krise hatte AIG mit dem Programm regelmäßig große Mengen Wertpapiere für einige Tage an Fonds und Banken ausgeliehen, die sie zur Erfüllung von Verpflichtungen benötigten. Im Gegenzug zahlten die Institute eine Gebühr und stellten Sicherheiten in bar.

Für AIG waren diese Sicherheiten eine wichtige Liquiditätsquelle. Die Gelder wurde zum Teil in längerfristigen Finanzinstrumenten angelegt, darunter auch in Hypothekenderivaten. Deren Wertverfall führte dazu, dass AIG den Geschäftspartnern nach Rückgabe der Wertpapiere die Sicherheiten nicht zurückzahlen konnte.

Die De-facto-Verstaatlichung des Versicherers und die Marktturbulenzen trugen weiter dazu bei, dass das Geschäft mit der Wertpapierleihe in Schwierigkeiten geriet. Deshalb musste AIG in den letzten Tagen einen Teil der Hilfe über 85 Mrd. $ dafür verwenden – und nicht wie gedacht für die Abwicklung der AIG Financial Products (AIGFP). Die Tochter sichert Kredite, die auf Hypotheken beruhen, ab und hat damit die großen Probleme des Konzerns ausgelöst. Nach der neuen Vereinbarung leiht sich die Fed Wertpapiere von AIG-Versicherungsgesellschaften bis zu 37,8 Mrd. $ und stellt dafür Bargeld bereit.

Die Wertpapierausleihe stellt sich damit als zweite große Baustelle des Konzerns heraus. Bei der AIGFP geht es dagegen um etwas anderes: Hier hatte der Konzern sein gutes Rating eingesetzt, um sehr lukrativ Kreditderivate, die auf Hypotheken beruhen, gegen Ausfall abzusichern. Teil der bis 2005 abgeschlossenen Geschäfte war, dass AIG für den Fall, dass sich das Rating des Konzerns verschlechtert, bei seinen Wall-Street-Handelspartnern Bargeldsicherheiten in Milliardenhöhe stellen muss. Dieser Fall ist Mitte September eingetreten.

In der Finanzbranche verstärkt die neue Hilfe die Skepsis nicht nur gegenüber AIG. „Das ist ein Indiz dafür, dass die Probleme der Versicherer und Finanzinstitute viel größer sind als bislang angenommen“, sagte Sean Egan, Gründer der Ratingagentur Egan-Jones Rating. „Für die Steuerzahler wird das teuer“, sagte er. „AIG wollte ja eigentlich rasch die Kredite zurückzahlen, jetzt nehmen sie neue auf.“

Unter politischen Druck geraten ist das Unternehmen nach einer Kongressanhörung am Dienstag. Abgeordnete griffen die Ex-Chefs Martin Sullivan und Robert Willumstad scharf an. Unter anderem wurde dem Unternehmen vorgehalten, es habe wenige Tage nach der staatlichen Rettungsaktion 440 000 $ für ein Managementmeeting ausgegeben. Der von der Regierung eingesetzte neue AIG-Chef Edward Liddy stellte in einem Brief an Finanzminister Henry Paulson klar, dass es sich nicht um ein Managementtreffen gehandelt habe. „Es war eine Veranstaltung einer AIG-Versicherungstochter für unabhängige Lebensversicherungsvertreter, nicht AIG-Angestellte“, schreibt Liddy. Unter den mehr als 100 Teilnehmern waren lediglich zehn AIG-Angestellte.

AIG ist nicht der einzige US-Versicherer mit Problemen. Die Aktie von Prudential fiel gestern zeitweise um 41 Prozent, andere Versicherungsaktien waren schon am Mittwoch abgestürzt. In US-Finanzkreisen hieß es, dass sich an diesem Freitag die Vertragsparteien einer großen Anzahl von Credit Default Swaps (CDS) treffen – Kreditderivate, mit denen Ausfallrisiken gehandelt werden. Im Wesentlichen treffen Hedge-Fonds, die gewettet hatten, dass Lehman Brothers untergeht, auf Versicherer, die dagegengehalten haben. Da der Schadenfall eingetreten ist, finden Auktionen zur Auszahlung der Kontrakte statt.

Die Konzerntochter AIG Europe in Paris versuchte am Donnerstag, sich von der Mutter in New York zu distanzieren. Sie sei eine der französischen Aufsicht unterstehende Gesellschaft, „die von allen anderen Rechtseinheiten der AIG-Gruppe unabhängig ist und ihr eigenes Vermögen und Kapital vorhält“, hieß es.

Gastkommentar 30

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War die Verstaatlichung richtig?

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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