AIG steigt aus Lebensversicherung aus

US-Unternehmen muss Rettungskredit schnell zurückzahlen · Industriegeschäftbleibt im Konzern · Große Rivalen meiden Risiko

VON Herbert Fromme, Köln

Der angeschlagene US-Versicherer American International Group (AIG) will die meisten seiner Lebensversicherer verkaufen. Zudem kündigte Konzernchef Edward Liddy am Freitag an, sich vom Autoversicherungsgeschäft in den USA und der Flugzeugleasingfirma International Lease Finance Corporation zu trennen.

Behalten will AIG dagegen die Schaden- und Unfallversicherung in den USA und die Industrieversicherung im Ausland. Außerdem plant Liddy, weiterhin mehrheitlich an einigen Lebensversicherern im Ausland beteiligt zu sein, die Teil der Tochter American International Assurance (AIA) sind. Hier soll nur ein Minderheitsanteil abgegeben werden. Für die auch in Deutschland tätige Tochter American Life Insurance Company (Alico) sucht AIG dagegen einen Käufer.

AIG stand Mitte September kurz vor dem Konkurs, weil sich der Konzern bei der Absicherung von hypothekenbasierten Anleihen verhoben hatte. Nur mit einer Kreditlinie von 85 Mrd. $ von der Notenbank Federal Reserve konnte AIG gerettet werden. Im Gegenzug erhielt die Regierung 79,9 Prozent an AIG.

„Bislang sind 61 Mrd. $ dieser Kreditlinie genutzt worden“, sagte Liddy. Das Kerngeschäft Industrie- und Personenversicherung gilt als gesund. Liddy muss dennoch schnell viel verkaufen, um das Regierungsdarlehen zurückzuzahlen, das zu harten Bedingungen gewährt wurde. So beträgt AIGs jährliche Zinsbelastung rund 10 Mrd. $. Außerdem machen die Ratingagenturen Druck, Moody’s senkte die Bewertung von „A2“ auf „A3“.

Liddy ist dennoch optimistisch. „Das ist kein Notverkauf.“ Interesse an Teilen der AIG-Gruppe haben unter anderem Münchener Rück, Allianz und US-Investor Warren Buffett angemeldet. Japanische Medien berichteten, dass die Allianz auch zu den Interessenten für die drei dort zum Verkauf stehenden Lebensversicherungsgesellschaften gehört. Dort allein könnte AIG 10 Mrd. $ erlösen. Ein Allianz-Sprecher kommentierte das nicht.

Im Kerngeschäft Industrieversicherung spürt AIG deutlichen Gegenwind. Zumindest in Europa weigern sich mehrere Konkurrenten inzwischen, für AIG in Vordeckung zu treten, das sogenannte Fronting. Das gelte besonders für Zurich, Ace und Allianz, hieß es. HDI- Gerling dagegen frontet weiter, beobachtet die Entwicklung aber sehr genau, so ein Sprecher.

Internationale Versicherungsprogramme für Industriekonzerne werden von Konsortien gedeckt. Ist AIG an einem solchen Konsortium unter der Führung eines Konkurrenten beteiligt, war es bislang üblich, dass die Landesgesellschaften dieses Konkurrenten die Risiken zeichneten und als Rückversicherung an AIG weitergaben. Im Schadenfall musste dann zunächst eine Landesgesellschaft zahlen, holte sich dann aber das Geld bei AIG wieder. „Damit ist ein Risiko verbunden, das wir nicht mehr eingehen wollen“, hieß es bei einem Rivalen. AIG selbst habe früher in der Gerling-Krise und bei Problemen der Allianz „sehr restriktiv“ gefrontet.

AIG Europe sei von keiner Gesellschaft über eine Änderung der Haltung zum Fronting unterrichtet worden, sagte Europachef Julio Portalatin. Sie sei auch nicht gerechtfertigt: „Die finanziellen Mittel von AIG Europe übersteigen alle angemessenen Anforderungen an Rückversicherungssicherheiten, die andere Gesellschaften stellen könnten.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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