Drum prüfe, wer sich bindet

Neue Angebote bei Kfz-Versicherungen mit Werkstattbindung · Nicht alle Tarifeempfehlenswert

VON Friederike Krieger

Autohalter werden von den Versicherern im Augenblick mit Angeboten überschwemmt. Denn bis zum 30. November können die meisten Kunden ihre alten Verträge kündigen und zu einer günstigeren Gesellschaft wechseln. Einige Versicherer locken Kaskokunden mit speziellen Tarifen, die den Autofahrern bis zu 20 Prozent Prämienersparnis versprechen. Voraussetzung: Im Schadenfall müssen sie ihren Wagen in einer der Partnerwerkstätten des Versicherers reparieren lassen. Das kann die Autofahrer allerdings ihre Herstellergarantie kosten.

„Die Werkstattbindung erzeugt eine Win-win-Situation bei allen Beteiligten“, glaubt dagegen Harald Neugebauer, Leiter des Schadenmanagements beim Versicherer Gothaer. Die Werkstätten sind besser ausgelastet und berechnen den Versicherern im Gegenzug niedrigere Stundensätze. Die Assekuranz gibt diesen Preisvorteil an die Kunden weiter. Die Gothaer war eine der ersten Gesellschaften, die auf Werkstattbindung gesetzt haben. Ebenso wie die Generali-Gruppe, die Concordia-Versicherung und die VHV-Versicherung nutzt sie inzwischen das Netz an 1200 freien und herstellergebundenen Partnerbetrieben, das der Versicherer HUK-Coburg aufgebaut hat.

HUK-Coburg hat im Jahr 2007 mehr als 100 000 Schadenfälle mit einem Reparaturvolumen von 185 Mio. Euro über diese Werkstätten abgewickelt. Rund 50 Prozent der Neukunden des Versicherers entscheiden sich inzwischen für diesen Kaskotarif, sagt Holger Brendel, Sprecher von HUK-Coburg. „Neben dem Beitragsnachlass profitieren die Kunden davon, dass der Schaden in den Partnerwerkstätten besonders schnell behoben wird“, sagt er. HUK-Coburg hat dafür Qualitätsvereinbarungen mit den Werkstätten getroffen. Die Betriebe dürfen nur Originalersatzteile verwenden. Auf die Reparaturen erhalten die Kunden von HUK-Coburg drei Jahre Garantie, bei der Gothaer gibt es sogar sechs Jahre Gewährleistung. Sachverständige der Dekra überprüfen die Werkstätten regelmäßig. Zudem befragen die Versicherer die Autofahrer nach ihren Erfahrungen mit den Betrieben.

„Bei der Werkstattbindung läuft der Kunde nicht Gefahr, an dubiose Hinterhofwerkstätten zu geraten“, sagt auch Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. Ein Betrieb, der es mit der Qualität nicht so genau nimmt, ist schnell weg vom Fenster. Rudnik möchte die Werkstattbindung trotzdem nicht uneingeschränkt empfehlen. Besonders Autofahrer, die ihren Wagen geleast oder finanziert haben, sind oft verpflichtet, spezielle Vertragwerkstätten aufzusuchen, wenn sie die Herstellergarantie behalten wollen. Rudnik hat sich von einem großen deutschen Versicherer eine Liste mit Partnerwerkstätten geben lassen. Das legt er auch jedem Autofahrer ans Herz, der die Werkstattbindung wählen will. „Es waren nur freie Betriebe dabei, und die nächstgelegene Werkstatt war dann auch noch 25 Kilometer entfernt“, sagt er. Autofahrer sollten sich deshalb vorab vergewissern, dass der Versicherer auch einen Hol- und Bringservice für den ramponierten Wagen anbietet. Denn bei einer Panne bringt der ADAC das Auto nur in die nächste Werkstatt, die nicht unbedingt zum Netz des Versicherers gehört.

Dies betrachtet Michael Wagner, Schadenchef für Autoversicherungen bei der Allianz, als größten Nachteil des Modells. „Im Schadenfall hat der Kunde vielleicht schon vergessen, dass er Werkstattbindung vereinbart hat, und stellt erst im Autohaus fest, dass er den Betrieb noch einmal wechseln muss“, sagt er. Die Allianz setzt deshalb auf ein anderes Modell names „Fairplay“. Sie kooperiert dabei mit großen Herstellern wie Opel und dem Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik, dem freie Werkstätten angehören. Mit rund 1400 Betrieben hat der Versicherer eine standardisierte Schadenregulierung vereinbart. Versand des Kostenvoranschlags und Reparaturfreigabe erfolgen elektronisch. Das spart der Allianz Geld und dem Kunden Zeit. „Die Schadenabwicklung erfolgt wesentlich schneller, und der Kunde wird nicht mit Nachfragen belästigt“, erklärt Wagner. Im Idealfall gibt der Versicherungsnehmer seinen Wagen bei einem Autohaus ab, bekommt für die Zeit der Reparatur einen Mietwagen und holt seinen Wagen wieder ab, ohne sich um Formalitäten kümmern zu müssen. Welchen Betrieb er ansteuert, bleibt ihm überlassen. „Der Kunde wird nicht gezwungen, eine bestimmte Werkstatt aufzusuchen“, sagt Wagner. Entscheidet er sich für einen Betrieb, mit dem die Allianz nicht kooperiert, genießt er nicht die Vorteile, hat aber auch keine Nachteile. Bei der Werkstattbindung muss er draufzahlen, wenn er keinen Partnerbetrieb wählt. Prämiennachlässe wie bei der Werkstattbindung gibt es bei der Allianz allerdings nicht.

In der Zusammenarbeit mit VW fährt die Allianz ein anderes Modell. Mehr als eine Million Kunden-Pkw hat der Autohersteller über seine Händler und den eigenen VW-Versicherungsdienst bei der Allianz versichert. VW will damit die Kunden an sich binden – und die Werkstätten der eigenen Händler füllen. Außer bei Personenschäden wickelt VW alle Ansprüche von Kunden und geschädigten Dritten selbst ab und sorgt dafür, dass die Reparatur wenn möglich in einer VW-Werkstatt stattfindet.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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