Hypo-Krise ängstigt Versicherer

Sondersitzung des Verbandspräsidiums · BaFin beobachtet mehrereGesellschaften

Von Herbert Fromme, Köln

Die deutsche Versicherungsbranche fürchtet, dass ein Kollaps der angeschlagenen Hypo Real Estate (HRE) die Liquidität des Pfandbriefmarktes deutlich negativ beeinflussen könnte. „Dabei geht es nicht um die Werthaltigkeit der Pfandbriefe, die steht außer Frage“, sagte ein Vorstandsmitglied. Aber eine HRE-Pleite könnte an diesem Markt einen Kurssturz verursachen und verhindern, dass der ohnehin schon gestörte Handel in diesen Papieren sich wieder normalisiert.

Dazu kommt die Sorge, dass eine HRE-Insolvenz weit reichende Verwerfungen für die gesamte Finanzbranche nach sich ziehen würde. „Natürlich wären dann auch viele Versicherer direkt oder indirekt betroffen“, hieß es in der Branche. Mit mehr als 1100 Mrd. Euro Kapitalanlagen gehören die Gesellschaften zu den größten Investoren. Davon halten die Lebensversicherer 670 Mrd. Euro.

Das Präsidium des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) traf sich gestern zu einer Krisensitzung in Frankfurt. Anwesend waren auch Vorstandschefs mehrerer Gesellschaften. Hauptthema war die Rettungsaktion für HRE. An ihr beteiligt sich die Assekuranz mit bislang 1,4 Mrd. Euro. Die Summe könne etwas höher ausfallen, wenn sich das Engagement des privaten Sektors insgesamt erhöht, hieß es.

Die Kreditkrise und der Verfall der Aktienkurse sorgen für zunehmende Unruhe in der Branche. Zwar haben die deutschen Lebens- und Krankenversicherer kein Liquiditätsproblem – anders als manche Banken und der US-Konkurrent AIG, der Absicherungsgeschäfte für hypothekenbasierte Kreditderivate getätigt hatte. Die deutschen Versicherer haben stattdessen aber ein Ertragsproblem. „Wir werden mit Sicherheit Absenkungen der Überschussbeteiligungen bei einzelnen Gesellschaften zu erwarten haben“, sagte Reiner Will, Chef der Versicherungs-Ratingagentur Assekurata.

Die Garantieverzinsung in der Lebensversicherung beträgt für neue Verträge zur Zeit höchstens 2,25 Prozent. Sie liegt aber im Durchschnitt in den Beständen der Versicherer wegen der früher höheren Garantien – die immer für die gesamte Laufzeit eines Vertrags gelten – noch über drei Prozent. Dazu schreiben die Gesellschaften Überschussbeteiligungen gut. Die durchschnittliche Gesamtverzinsung auf den Sparanteil des Beitrags, also abzüglich Kosten und Risikoschutz, liegt so über vier Prozent. In der Branche wird darauf hingewiesen, dass sie erhebliche Puffer in den Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen hat – Mittel, die Kunden zustehen, ihnen aber erst mit Verzögerung gutgeschrieben werden.

Die Aufsicht BaFin beobachte eine Reihe von Lebens- und Krankenversicherern zurzeit sehr genau, hieß es in Branchenkreisen. Zwar erwarte die Behörde keinen Kollaps, bislang gebe es keine Schieflage. Sie rechne aber mit erheblichen Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit. „So mancher Lebensversicherer hat 2008 sogar Probleme, die garantierte Verzinsung zu verdienen“, hieß es. Auch die von den privaten Krankenversicherern geforderte Mindestverzinsung von 3,5 Prozent der Mittel, die als Alterungsrückstellung aufgebaut werden, ist demnach für einige Gesellschaften schwer zu erzielen.

Für den bislang für unwahrscheinlich gehaltenen Fall der Schieflage eines Lebensversicherers würde die BaFin versuchen, eine übernehmende Gesellschaft zu finden. Gelingt das nicht, tritt die Auffanggesellschaft Protektor in Aktion, die notleidende Bestände abwickelt. Bislang tut sie das nur für die 2003 an der Aktienkrise gescheiterte Mannheimer Lebensversicherung.

Grund für die Probleme mancher Versicherer seien vor allem die hohen Abschreibungen auf Aktien, auch wenn die Gesellschaften im Schnitt weniger als zehn Prozent ihrer Kapitalanlagen in Dividendentiteln hielten. Zusätzlich wirke sich die Zinsentwicklung kurzfristig negativ aus. Festverzinsliche Papiere, die mehr als 80 Prozent der Anlagen ausmachen, haben wegen der gestiegenen Zinsen einen geringeren Zeitwert.

Quelle: Financial Times Deutschland


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