Schweigen im Walde

Die Versicherungswirtschaft möchte nicht in einem Atemzug mit der Finanzkrise genannt werden. Doch die momentanen Turbulenzen werden die gesamte Branche umkrempeln Von Herbert Fromme

Die deutsche Versicherungswirtschaft verhält sich ruhig, sehr ruhig sogar. Während von den Banken täglich neue, bösere Hiobsbotschaften kommen, tut die Assekuranz so, als ob sie das ganze Feuerwerk nur am Rande etwas angeht. Sogar ihre Beteiligung von 1,4 Mrd. Euro am Rettungspaket für die Hypo Real Estate versuchte die Branche verschämt unter dem Tisch zu halten. Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) waren weder die Finanzspritze noch das in dem Zusammenhang abgehaltene Krisentreffen des GDV-Präsidiums eine Mitteilung wert.

Die Taktik ist verständlich. Die Chefs der deutschen Versicherungskonzerne wollen sich so weit wie möglich von den Banken absetzen und ihre Unternehmen aus der Diskussion heraushalten. Mancher erwartet sogar, dass die Lebensversicherung als Gewinner aus den Tumulten hervorgehen könnte. Wer zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren Geld bei Aktien oder Zertifikaten verloren hat, könnte künftig auf die Lebensversicherer setzen, so wird spekuliert.

Enge Verbindung zu den Banken

Doch es ist eine naive Hoffnung, dass die deutschen Versicherer und ihre Kunden die Krise unbeschadet überstehen werden. Auch die Versicherer, vor allem die Lebensversicherer, und ihre Kunden werden für die Krise zahlen. Es muss nicht so weit gehen wie in den USA, wo sich der einstige Branchenprimus American International Group (AIG) mit der Absicherung von Kreditderivaten so verhob, dass er bisher 123 Mrd. $ an Staatshilfe braucht, um den Zusammenbruch zu vermeiden. Auch das Schicksal des japanischen Lebensversicherers Yamato, der Konkurs anmelden musste, wird sich nach jetzigem Stand hierzulande kaum wiederholen.

Aber natürlich sind auch deutsche Versicherer betroffen, wenn Banken wackeln. Denn die Gesellschaften sind auf vielfache Weise mit den Banken verbandelt. Die wichtigste Verbindung: Mehr als ein Drittel der rund 700 Mrd. Euro, die Lebensversicherer zur Bedeckung von Kundenansprüchen investiert haben, sind in festverzinslichen Wertpapieren der Banken angelegt, zum Beispiel in Pfandbriefen. Die Assekuranz ist einer der größten Refinanzierer des Bankensektors. Diese Papiere galten bislang als fast risikolos. Das ist heute anders. Jeder Zusammenbruch eines Instituts hätte große Auswirkungen auf die Versicherer. Wenn sich aber das Rating vieler Papiere drastisch verändert, benötigen die Versicherer dafür eine höhere Eigenkapitalunterlegung. Einen Wertverfall müssten sie in ihren Bilanzen ausweisen.

Manche Versicherungskonzerne besitzen zudem Banken, andere wiederum gehören Banken. Die Allianz ist Besitzer der Dresdner Bank, und auch nach Abschluss des Geschäfts mit der Commerzbank wird der Marktführer mit knapp 30 Prozent Eigner einer Großbank bleiben. Die öffentlich-rechtlichen Gesellschaften von Provinzial bis Versicherungskammer gehören zum Sparkassenlager, das seinerseits mit den Schwierigkeiten der Landesbanken fertig werden muss.

Hinzu kommt, dass fast alle Gesellschaften unter dem Niedergang der Aktienmärkte leiden, obgleich sie sehr unterschiedliche Aktienquoten in ihren Beständen haben. Die niedrigen Kurse treffen ihre Nettoverzinsung ganz gewaltig.

Anders als die Banken haben die Versicherer kein Liquiditätsproblem, dafür sorgen die stetig sprudelnden Beiträge der Kunden. Sie haben ein Ertragsproblem und möglicherweise ein Problem mit der Eigenkapitalunterlegung. Dazu kommt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Versicherungsbranche brachte es fertig, jahrelang Aktien als riskant zu verteufeln – und gleichzeitig fondsgebundene Lebensversicherungen so kräftig in den Markt zu drücken, dass bei jedem vierten Neuvertrag inzwischen der Kunde und nicht der Versicherer das Anlagerisiko trägt. Viele dieser Verträge beruhen auf Aktienfonds.

Krise trennt Spreu vom Weizen

Versicherte mit klassischen Kapitallebensverträgen dagegen zahlen für die Krise kaum mit direktem Kapitalverlust, sondern vor allem mit einer niedrigeren Überschussbeteiligung. Die meisten Gesellschaften werden die jetzigen 4,4 Prozent auf den Sparanteil, die im Durchschnitt gutgeschrieben werden, nicht halten können, mancher wird sich an den garantierten Zins heranrobben, der im Schnitt knapp oberhalb von drei Prozent liegt. Die Kunden der privaten Krankenversicherer werden Ausfälle bei den Kapitalerträgen mit höheren Beiträgen kompensieren müssen.

Die Krise wird die Unterschiede zwischen gut kapitalisierten und schwachbrüstigen Gesellschaften erbarmungslos offenlegen, und auch zwischen Versicherern, die ihre Risiken gut verteilt haben, und jenen, für die Risikostreuung ein Fremdwort war. Fusionen und Übernahmen sind die wahrscheinliche Folge, gelegentlich auf Druck der Aufsicht.

Ohnehin müssen die Versicherungsvorstände mit einer Verschärfung des seit einigen Jahren anhaltenden Trends zur vermehrten Aufsicht über die Versicherer rechnen. Die jetzige Re-Regulierung nach der De-Regulierung der 90er wird einen weiteren Schub bekommen. Die Assekuranz wird nach der Krise nicht mehr dieselbe sein.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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