Showdown in der badischen Kleinstadt

Die Rückversicherer blasen zum Angriff: Die Finanzkrise ändert alles, nach Jahren sinkender Preise dreht sich der Trend. Das wollen sie beim Branchentreff in Baden-Baden beweisen. Kunden und Makler haben Zweifel

VON Herbert Fromme

Eine der merkwürdigsten Konferenzen der Finanzbranche beginnt heute in der süddeutschen Kleinstadt Baden-Baden. Bis Donnerstag beherbergt der Ort Hunderte von Versicherungs- und Rückversicherungsmanagern, Maklern und Beratern. Es gibt weder Tagesordnung noch Redner, nicht einmal einen Veranstalter.

Statt dessen treffen sich Damen und Herren aus München, Madrid, Moskau, London oder Zürich im Halbstundenrhythmus zu Zweiergesprächen oder kleinen Runden. In den Ballsälen der Hotels stehen lange Reihen runder Tische. Da sitzt der schwedische Versicherer mit dem Rückversicherer aus Paris zusammen, um über die Abdeckung eines Haftpflicht- oder Feuergroßrisikos zu verhandeln, der Versicherungseinkäufer eines deutschen Großkonzerns mit einem Londoner Makler, um ein kompliziertes Deckungsproblem in der Managerhaftpflicht zu diskutieren. Die großen Rückversicherer haben eigene Suiten. Abends stehen Empfänge und Dinnerpartys auf dem Programm.

Der Verhandlungsmarathon hat ein klares Ziel: die Verträge für das Jahr 2009, mit denen sich Erstversicherer wie Basler oder Uniqa bei Rückversicherern wie Hannover Rück oder Scor gegen Katastrophen und andere Höchstbelastungen absichern. Anfang September trifft sich die Branche zu Vorgesprächen in Monte Carlo, jetzt in Baden-Baden wird man konkret.

Die diesjährigen Verhandlungsrunden werden schwierig. Zu groß ist die Verunsicherung durch die Finanzkrise. Die American International Group (AIG), einer der wichtigsten Versicherer der Welt, gehört zu 80 Prozent dem Staat, der mit 123 Mrd. $ seinen Zusammenbruch verhinderte. Der Crash an den Aktienbörsen trifft auch Versicherer und Rückversicherer – gerade erst meldete Hannover Rück, die Nummer vier in der Welt, einen Verlust von 390 Mio. Euro im dritten Quartal.

Wie sich die Krise auf die Preise für Rückversicherungsschutz auswirkt, ist umstritten. Denis Kessler, Vorstandschef des französischen Rückversicherers Scor, hat keine Zweifel. „Die Kapitalbasis vieler Erstversicherer ist durch die Kapitalmarktkrise zunehmend unter Druck“, glaubt er. „Rückversicherung ist auch Eigenkapitalersatz.“ Er sei sicher, dass die Erstversicherer davon wieder verstärkt Gebrauch machen.

Für Torsten Jeworrek, Vorstandsmitglied der Münchener Rück, wirken Finanzkrise und AIG-Zusammenbruch ähnlich wie der Terroranschlag vom 11. September 2001. Er will großflächig „Preiserhöhungen mit deutlich zweistelligen Prozentsätzen“ für 2009 durchsetzen. „Ab sofort ist harter Markt, der weiche Markt ist vorbei.“ Mit hart und weich bezeichnet die Branche Phasen steigender oder sinkender Preise. Es gibt Zweifel im Markt, ob die Münchener den rigiden Kurs durchhalten können. Sie haben ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem. Noch 2007 erklärte die Gesellschaft, eigentlich gebe es keinen „weichen“ Markt, die Preise seien risikoadäquat. Wenn das stimmte, warum dann jetzt drastisch erhöhen, fragen sich Einkäufer.

Andere Rückversicherer sehen die Gefahr weiterer Preissenkungen. „Hoffentlich haben alle begriffen, dass man sich nicht auf Kapitalerträge verlassen kann“, sagt Arno Junke, Chef der Düsseldorfer Deutsche Rück. „Beim Preis sehen wir eine Bodenbildung.“ Risikogerechte Preise seien das Gebot der Stunde.

Der weltgrößte Rückversicherungsmakler Aon Re sieht keine Zeichen für einen starken Anstieg – im Gegenteil. „Die Preise sinken auf breiter Front“, sagt Deutschlandchef Jan-Oliver Thofern. Die Finanzkrise schwäche den Trend aber ab. Nur in einzelnen Bereichen sieht er höhere Kosten für die Erstversicherer beim Einkauf von Risikoschutz. Das gelte für die Managerhaftpflicht der exponierten Finanzbranche und für Haftpflichtrisiken der Pharmaindustrie.

Differenziert äußert sich auch Wilfried Müller, Geschäftsführer Deutschland beim Rückversicherungsmakler Guy Carpenter, der Teil der Marsh-Gruppe ist. „Die Preisanhebungsversuche der Münchener Rück sind in der Autohaftpflichtversicherung kaum durchsetzbar“, sagt Müller. In Haftpflichtsparten außerhalb des Autosegments gebe es aber durchaus Druck nach oben. „Ein Grund ist natürlich, dass in diesen Zeiten viele Erstversicherer mit ihren langfristigen Programmen den Rückversicherer nicht wechseln wollen.“

Selbst die Käufer des Rückversicherungsschutzes, die Erstversicherer, sehen Anpassungsbedarf für bestimmte Risiken. „Überall dort, wo die individuelle Risikoexponierung es erfordert, müssen angemessene, möglicherweise höhere Preise für Rückversicherung bezahlt werden“, sagt Werner Görg, Chef des Kölner Gothaer-Konzerns. Wer sich aber als Versicherer frühzeitig um eine Vereinheitlichung seiner Versicherungsbestände bemüht habe, werde auch bei den Rückversicherungskonditionen belohnt.

Für Görg beleuchtet die Kreditkrise ein ganz anderes Problem – es gebe zu wenig gute Rückversicherer im Markt. „Bei den Kapitalanlagen achten wir sehr auf eine breite Streuung unter den Banken“, sagt Görg. „Bei der Rückversicherung würden wir gerne dasselbe tun, haben aber das Problem, dass es dafür nicht genügend qualifizierte Anbieter gibt.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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