Stürme sind schlimmer als Erdbeben

Hurrikans schlagen häufiger und heftiger zu und werden deshalb immer teurer für die Großhändler der Assekuranz. Die Frequenz klimaunabhängiger Katastrophen bleibt dagegen konstant

VON Patrick Hagen

Gustav und Ike haben dafür gesorgt, dass 2008 für die Rückversicherer ein teures Jahr wird. Die Hurrikans, die im September die Karibik und die Golfküste der USA schwer getroffen haben, kosten die Assekuranz nach Schätzungen der Münchener Rück 15 bis 20 Mrd. $. Ein großer Teil dürfte auf die Rückversicherer entfallen. Umstritten ist, ob die Belastungen groß genug sind, um die ersehnte Preiswende zu bringen.

Die Preise in der Rückversicherung sinken seit Jahren. Auch für 2009 erwarten viele Makler und Gesellschaften weiter fallende Prämien. Rückversicherer sind von Ereignissen wie Stürmen und Erdbeben besonders betroffen, weil sie Erstversicherern von Axa bis Zurich die Spitzenrisiken abnehmen. Sie haben über Jahre gute Geschäfte gemacht. Das lockte neue Investoren an. Die große Konkurrenz sorgte dafür, dass die Preise auf breiter Front fielen.

Die Rückversicherer hoffen jetzt, dass die Kombination aus Hurrikans und Finanzkrise den Prämienverfall stoppt. „Durch die Finanzkrise ist die Kapitalbasis vieler Marktteilnehmer massiv gesunken“, sagt August Pröbstl, Leiter der Abteilung Accumulation Risks der Münchener Rück. „Das führt zwangsläufig zu Nachfragesteigerungen nach Rückversicherung mit entsprechenden Preisentwicklungen.“

Geldgeber werden sich aus dem Markt zurückziehen, erwartet Jörg Steffensen, Leiter der Abteilung für Naturgefahrenmodellierung der Hannover Rück. „Einige Investoren wie Hedge-Fonds, die in den letzten fünf Jahren viel Kapazität gestellt haben, werden sich überlegen, ob das das richtige Geschäftsmodell für sie ist“, sagt er. Die Folge: „Wir werden im nächsten Jahr weniger Kapazität im Markt sehen.“ Der Rückversicherungsmakler Guy Carpenter erwartet für 2009 zwar ein weiteres Nachgeben der Prämien. „Aber die Rückversicherungspreise werden 2009 langsamer fallen als 2008“, heißt es in der Studie „World Catastrophe Reinsurance Market 2008“. Allerdings wird das US-Katastrophengeschäft noch immer als profitabel angesehen. Mehr Sorgen bereitet dagegen Europa. „Europäische Risiken sind problematisch, weil es nicht nur um Sturm, sondern auch um Flut und Hagelrisiken geht“, sagt Steffensen.

Bei dem Erdbeben, das im Mai die chinesische Provinz Sichuan verwüstete, ist die Branche dagegen glimpflich davongekommen. Schätzungen gehen von versicherten Schäden in Höhe von maximal 1 Mrd. $ aus. Das Beispiel zeigt deutlich, wie weit die Kosten für die Assekuranz und der tatsächliche Schaden auseinandergehen können. Die Zahl der Toten des Erdbebens liegt weit über 60 000, flächendeckend wurden Häuser zerstört. In der Region ist aber nur ein Bruchteil der Gebäude versichert. Hätte das Erdbeben in Europa oder den USA stattgefunden, wären die Folgen für die Versicherer viel schwerer gewesen.

Erdbeben sind für die Branche ein geringeres Problem als Stürme. Ihr Auftreten ist nicht wetterabhängig und wird nicht durch den Klimawandel beeinflusst. „Die Wahrscheinlichkeiten für geologische Gefahren, zum Beispiel Erdbeben, ändern sich in der Langfristbetrachtung nicht“, sagt Ernst Rauch, Leiter Klimarisiken der Münchener Rück.

Neben den eigentlichen Schäden wie zerstörten Wohn- und Industriegebäuden macht den Versicherern noch ein weiteres Phänomen zu schaffen. Nach einem Hurrikan oder einer Flut verteuern sich in der betroffen Region die Kosten für Baumaterialien und Handwerker drastisch. Zum ersten Mal beobachtet haben die Anbieter diesen Effekt 1992, nachdem Hurrikan Andrew Florida verwüstet hatte. „Bei Größtkatastrophen wie Katrina reden wir über eine Größenordnung von bis zu 25 Prozent“, sagt Pröbstl von der Münchener Rück.

Mit großem Misstrauen beäugt die Branche die Eingriffe von US-Bundesstaaten in die Deckung von Katastrophenrisiken. Florida hat die Kapazität des staatseigenen Rückversicherers deutlich aufgestockt, eine Reaktion auf die hohen Prämien der Assekuranz.

Die Branche lehnt staatliche Rückversicherer ab, hat aber kein Problem, mit Regierungen zu kooperieren. Länder wie Kolumbien haben damit begonnen, staatliche Deckungssysteme aufzubauen. „Wir sind gerade dabei, so ein Deckungsprogramm für ein Land zu initiieren“, sagt Steffensen. Um welches Land es sich handelt, will er nicht sagen. „Wir strukturieren das vertraglich und modellieren das Risiko.“ Außerdem übernimmt der Rückversicherer auch einen Teil des Risikos.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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