Täter, nicht Opfer

kolumne

Herbert Fromme

An der stauträchtigen Autobahn A1 bei Hagen konnte man jahrelang als Graffiti den Spruch lesen: „Ihr steht nicht im Stau, ihr seid der Stau.“ An diese einfache Wahrheit wurde erinnert, wer sich die Einlassungen der früheren AIG-Chefs Martin Sullivan und Robert Willumstad vor einem Ausschuss des US-Kongresses anhörte. Sullivan sprach von einem „Finanz-Tsunami“, ein Naturereignis, für das niemand etwas kann und das auch schwer vorherzusehen ist. Er machte die „unbeabsichtigten Folgen“ der Marktwertbilanzierung verantwortlich für die Probleme der Gesellschaft, die zur Stunde 123 Mrd. $ vom US-Staat braucht, um den Konkurs zu vermeiden. Man erinnert sich: Die Marktwertbilanzierung (Marked to Market) wurde als Konsequenz des Börsencrashs von 2001 bis 2003 und der Betrügereien eingeführt, die vor allem beim Energiekonzern Enron für eine fast lückenlose Intransparenz sorgten.

So einfach können es sich die hoch bezahlten Spitzenleute der AIG nicht machen. Sie haben das ausgezeichnete Rating, das AIG wegen seiner gut kapitalisierten Versicherungsaktivitäten genoss, jahrelang zur scheinbar risikolosen Absicherung von Kreditderivatgeschäften eingesetzt. Ihre Geschäftspartner haben sich von AIG das gute Rating geliehen. Das war die Geschäftsidee der unseligen Tochter AIG Financial Products. Sinn machte das für die Gegenparteien nur, wenn AIG versprach, bei einer Verschlechterung des eigenen Ratings die Deals mit Bargeld abzusichern. Genau das ist passiert – die Immobilienkrise führte zu Ausfällen, die trafen auch AIG. Der Versicherer zeigte Quartalsverluste, die Ratingagenturen reagierten, und die Gegenparteien forderten Milliarden in cash.

Ohne die von AIG angebotenen Absicherungen wären viele der Geschäfte nicht zustande gekommen, die zu der jetzt geplatzten gigantischen Kreditblase führten. AIG hat mit aufgeblasen. Das AIG-Management von Maurice Greenberg bis Robert Willumstad ist in dem Skandal Täter, nicht Opfer.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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