Trügerische Ruhe

Die Rückversicherer geben sich bei ihrem Branchentreffen als Hort derStabilität. Erst langsam sickert bei ihnen durch, dass die Finanzkrise ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellt Von Herbert Fromme

Fast unwirklich routinemäßig geht es in diesen Tagen in Baden-Baden zu. Wie immer in der letzten Oktoberwoche, wenn sich die Rückversicherer zu ihrem jährlichen Branchentreffen in der badischen Kleinstadt einfinden, schimpfen Einheimische, weil sie eine Woche lang nur schwer Taxis oder Restaurantbuchungen bekommen. An langen Reihen kleiner Tische in den Ballsälen und Lobbys sitzen dezent gekleidete Damen und Herren aus aller Welt, Papiere und Laptops vor sich. Sie handeln Verträge aus, mit denen sich Erstversicherer wie Axa oder HUK-Coburg für das Jahr 2009 gegen Naturkatastrophen und andere Gefahren absichern und ihre Risiken streuen.

Während ringsum die Banken verzweifelt nach Luft schnappen, Börsenkurse global abstürzen, die American International Group (AIG) neue Milliardenforderungen an die Regierung in Washington formuliert und die ersten Lebensversicherer in den USA und den Niederlanden Staatsgelder anfordern, trifft man sich abends zu Dinner und Empfang. Alles wie immer.

Versicherer mit Streugelüsten

Als Reaktion auf die Finanzkrise fällt den Rückversicherern zunächst nichts Besseres ein, als reflexartig Preiserhöhungen anzukündigen, die sie mit der künftigen Kapitalknappheit in der Versicherungswirtschaft begründen – obwohl viele Kunden, gestützt von den Spezialmaklern, diese bisher nicht sehen und dagegenhalten. Ob die Preise steigen oder nicht, ob die kraftstrotzende Rhetorik des Marktführers Münchener Rück Ergebnisse zeigt, wird sich bis Ende des Jahres zeigen. Ausreichen werden solche Anpassungen so oder so nicht.

Denn in Wirklichkeit ist das Geschäftsmodell der Branche akut in Gefahr. Wenn sie es nicht schon vorher taten, so lernen Versicherungsunternehmen in der gegenwärtigen Lage, ihre Risiken stärker zu streuen. Die Zeiten, in denen die Kapitalanlagen bei zwei, drei Hausbanken lagen, sind endgültig vorbei. Heute braucht ein großer Versicherer 20 oder 30 Bankadressen, um das Risiko eines Ausfalls gering zu halten. Bei Rückversicherern haben die Gesellschaften diese Auswahl nicht. Das wird zunehmend zum Problem. Versicherungsvorstände wie Gothaer-Chef Werner Görg beklagen öffentlich, dass er bei den Rückversicherern gern genauso streuen würde wie bei den Banken. Dafür gebe es aber nicht genügend qualifizierte Anbieter.

Ein Rückversicherer qualifiziert sich in erster Linie dadurch, dass er als sicher gilt. Bislang hat die Branche das mit einem sehr einfachen Mittel gemessen, nämlich dem Rating. Wer im Markt bleiben wollte, brauchte „A“ oder besser, wer auf „BBB“ abstürzte, hatte Probleme. Nun aber verlieren immer mehr Kunden der Rückversicherer den Glauben an Ratings als aussagekräftige Maßstäbe. Schließlich waren viele der vergifteten Derivate, die den Banken zum Verhängnis wurden, mit „AAA“ bewertet. Und schließlich stufte Standard & Poor’s noch am 12. September AIG mit „AA-“ ein – vier Tage später brauchte das Unternehmen 85 Mrd. $ Staatsgeld, um die Insolvenz abzuwenden.

Wenn das Rating als Grundlage für Entscheidungen über die Wahl einer Rückversicherung weniger tauglich wird, wirken Faktoren wie die Unternehmensergebnisse umso direkter. Da kommt es ganz ungelegen, dass viele Rückversicherer wegen der Marktkrise kräftigen Abschreibungsbedarf haben und jedenfalls für einzelne Quartale Verluste aufweisen werden – so wie die Hannover Rück für das dritte Quartal.

Also sucht mancher Erstversicherer nach Alternativen. Das können neue Rückversicherer sein oder Verbriefungen, die von Banken ebenso gut wie von Rückversicherern arrangiert werden. Das kann aber auch ein höherer Eigenbehalt sein – schließlich haben die Vorstände von Erstversicherern gute Argumente, ihre Kapitalbasis zu stärken. Bei einer komfortableren Kapitalbasis können sie aber auch mehr Risiken behalten.

Regulierung und Protektionismus

Schließlich wird die Krise eine verstärkte Regulierung der Banken und der Versicherer nach sich ziehen, bis hin zur halbstaatlichen Aufsicht über Finanzprodukte. Die Rückversicherer werden da nicht ungeschoren davonkommen, die Branche muss sich auf mehr Staatsintervention gefasst machen.

Damit einhergehend werden die Endkunden in den Genuss einer stärkeren Fürsorge durch die jeweilige Behördenaufsicht kommen. Australien liefert dafür gerade die Vorlage. Auch werden die Auswirkungen der Finanzkrise an vielen Orten als Vorwand dafür genutzt werden, schikanöse Regeln zu schaffen, die internationale Anbieter vom Markt fernhalten. Die Rückversicherer, deren Modell es ist, über Regionen hinweg einen Risikoausgleich zu schaffen, greift das im Kern an.

Noch haben nicht alle Rückversicherer begriffen, dass ihre Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand stehen. Beispielsweise ist das vom Weltmarktzweiten Swiss Re propagierte Modell des Arbitrageurs, der Risiken übernimmt und größtenteils an andere – zum Beispiel den Kapitalmarkt – weitergibt, praktisch tot. Aber auch andere Gesellschaften müssen sich neu erfinden. Nichts ist so wie immer.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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