Wenn das Wetter die Bilanz verhagelt

Rückversicherer bieten Spezialderivate als Schutz vor Ertragsausfällen an.Swiss Re will sie auch kleineren und mittleren Unternehmen verkaufen

Von Anja Krüger

Steigt die Temperatur um drei Grad, nimmt der tägliche Bierkonsum um zehn Prozent zu. Das haben britische Forscher festgestellt. Bekleidungshersteller, Energieversorger, Ferienveranstalter und erst recht die Landwirtschaft – in vielen Branchen hängen Umsatz und Gewinn von Regen, Sonnenschein oder Temperatur ab. Häufig führt das Wetter aber nicht zu Umsatzsteigerungen, sondern zu Einbußen. Dieses Risiko wollen Rückversicherer wie Swiss Re und Münchener Rück Firmen abnehmen, indem sie ihnen Wetterderivate verkaufen.

Ökonomen gehen davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Geschäfte in aller Welt direkt oder indirekt von der Witterung abhängen. Entstanden ist die Geschäftsidee der Wetterderivate Ende der 90er-Jahre in den USA, als Energieversorger in unabhängige Unternehmen umgewandelt wurden. Die Firmen sollten das Risiko auf andere übertragen können, dass etwa zu warme Winter zu geringem Absatz führen, weil Kunden weniger Energie zum Heizen brauchen.

Vertragspartner müssen sich auf einen Maßstab – den Trigger – einigen, der bestimmt, wann der Schutz greift. „Der häufigste Trigger bei Wetterderivaten ist die Temperatur“, sagt Münchener Rück-Sprecher Klaus Schmidtke. Auch Regenmengen oder Sturmstärke werden oft vereinbart.

Bislang sind Wetterderivate vor allem für Großunternehmen interessant. Die Swiss Re will ein neues Potenzial erschließen. Die Gesellschaft kooperiert mit der Firma Celsius Pro, über deren Internetseiten kleinere und mittlere Unternehmen Verträge kaufen können. „Durch die strategische Partnerschaft mit Celsius Pro macht Swiss Re ihre Fachkompetenz in diesem Bereich nun einem neuen Kundensegment zugänglich“, sagt Marcel Stäheli von Swiss Re.

Nicht nur Firmen kaufen Wetterderivate. Swiss Re hat gerade einen Vertrag mit der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA) geschlossen, die zur Weltbankgruppe gehört. Das Wetterderivat schützt Bauern in Malawi vor Ernteausfällen. Kommt es wegen einer Dürre zu Ausfällen, zahlt die Swiss Re bis zu 5 Mio. $. Der Vertrag ist als Option auf einen Niederschlagsindex angelegt. Der Index zeigt die Abhängigkeit von Regenmenge und Ertrag der Maisernte. Liegt die Ernte zehn Prozent unter dem Durchschnitt, wird der maximale Zahlungsbetrag fällig. „Wetterderivate sind besonders effektiv, wenn sie im Rahmen einer umfassenden Risikomanagementstrategie eingesetzt werden“, sagt Weltbank-Managerin Gloria Grandolini.

Die Weltbank nutzt dieses Instrument auch als Vorsorge für Naturkatastrophen. Sie hat gemeinsam mit der Münchener Rück ein Sicherungspaket für karibische Staaten auf den Weg gebracht, bei dem nach einem größeren Erdbeben oder starken Hurrikans sofort Geld fließt. „Damit können die Regierungen direkt mit dem Wiederaufbau der Infrastruktur beginnen“, sagt Münchener Rück-Vorstand Georg Daschner.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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