Kreditversicherungen werden teurer

Atradius fürchtet wegen Krise starken Anstieg der Insolvenzen · Interview mit Vizechef Ingenlath

Von Herbert Fromme, Köln

Der Kreditversicherer Atradius erwartet wegen der Wirtschaftskrise deutlich mehr Insolvenzen und will deshalb seine Preise anheben. „Für Branchen mit einer schlechten Perspektive kann der Anstieg durchaus 40 Prozent bis 50 Prozent betragen, in Branchen mit guten Aussichten kann er auch bei zehn Prozent liegen“, sagte Peter Ingenlath, stellvertretender Vorstandschef des weltweit zweitgrößten Anbieters, der FTD. „Es darf nicht sein, dass wir als Kreditversicherer den billigsten Schutz gegen Forderungsausfall liefern.“ Seit Jahren sind die Preise deutlich gesunken.

Kreditversicherer decken Lieferanten gegen die Pleite ihrer Kunden ab. Kann ein Kunde seine Rechnung beim Lieferanten wegen Insolvenz nicht bezahlen, springt der Kreditversicherer ein – vorausgesetzt, er hat die Kundenbeziehung genehmigt. Dafür prüfen die Kreditversicherer die Bonität der belieferten Kunden genau.

So weigert sich Weltmarktführer und Allianz-Gruppen-Mitglied Euler Hermes, Lieferungen an Zulieferer von Ford und General Motors weiter zu versichern. Alle drei global tätigen Firmen, neben Atradius und Euler ist das die französische Coface, nahmen Anfang Oktober Lieferungen an den britischen Einzelhändler Woolworths aus der Deckung. Ingenlath wollte beide Vorgänge nicht kommentieren.

Mehr Vertrauen hat Atradius beim deutschen Kaufhauskonzern Arcandor. Zusammen mit Banken und anderen Versicherern stützte die Gesellschaft vor zwei Monaten das Unternehmen. Zahlen veröffentlicht der Kreditversicherer nicht, nach Marktangaben soll Atradius Lieferungen bis zu 110 Mio. Euro an die Kaufhauskette sichern.

„Wir haben bestimmte Branchen auf der Beobachtungsliste“, sagte Ingenlath. Besonders kritisch sieht er die Sektoren Textil, Transport, Automobilzulieferung, Bau, Papier sowie Lebensmittel und Landwirtschaft. „Wir schauen uns natürlich die einzelnen Unternehmen an“, sagte Ingenlath. „Aber wenn nötig, adjustieren wir die Kreditlimite nach unten.“

Für Atradius wird das Geschäft dadurch erleichtert, dass die Gesellschaft rund 50 Prozent der Risiken an Rückversicherer weitergibt. Führender Rückversicherer ist Swiss Re, aber auch Münchener Rück und Hannover Rück sind wichtige Geschäftspartner. Gute Beziehungen hat Atradius zur AIG-Tochter Transatlantic Re.

Swiss Re ist mit 25 Prozent an dem Kreditversicherer mit Sitz in Amsterdam beteiligt. Größter Atradius-Aktionär ist mit 64,2 Prozent die spanische Grupo Cyc. Die Deutsche Bank hält 9,1 Prozent, Sal. Oppenheim 1,7 Prozent.

Die Krise treffe Atradius direkt kaum. „Wir haben nicht das Geschäft der US-Monoliner betrieben, also keine Anleihen abgesichert, unsere Investments sind sehr konservativ“, sagte Ingenlath. „Wir spüren indirekte Effekte, vor allem die Zunahme der Insolvenzen.“

Trotzdem setzte die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) Atradius gestern auf „negativen Beobachtungsstatus“ – die Ankündigung, das gute Rating von „A“ möglicherweise zu senken. S&P macht dafür die schlechtere Gewinnsituation und die dadurch verminderte Kapitalbasis verantwortlich.

„Alle Finanzinstitute sind per se unter Beobachtung der Ratingagenturen“, sagte Ingenlath. „S&P sieht mehr das Umfeld als unser Unternehmen.“ Atradius selbst sei fit, sagte er. „Wir sind viel besser aufgestellt als 2001. So haben wir das Baukautionsgeschäft völlig aufgegeben.“ Es werde allerdings sehr viel länger als 2001 dauern, bis die heutige Krise überwunden sei. „Solange das Bankensystem nicht wieder Tritt gefasst hat, solange wird es auch in der Wirtschaft nicht wieder bergauf gehen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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