Modellgerecht in die Katastrophe

kolumne

Herbert Fromme

Der 57-jährige Gary Gorton ist Professor in Yale, fährt einen alten VW Käfer und hört gern Jazz. Und er steht im Zentrum des größten Versicherungskollapses in der Geschichte. Gorton hat für den US-Versicherer American International Group (AIG) die komplexen Risikomodelle berechnet, auf deren Grundlage AIG Absicherungen für mehr als 400 Mrd. $ an Kreditderivaten organisierte. Inzwischen braucht der Versicherer 144 Mrd. $ an Staatshilfe, um zu überleben.

Gorton berechnete die Ausfallwahrscheinlichkeit der unterliegenden Kredite. Er hatte nicht den Auftrag, so das „Wall Street Journal“, die Wahrscheinlichkeit einer Herabstufung von AIG durch die Ratingagenturen einzubeziehen. Aber genau dies wurde dem Unternehmen zum Verhängnis. Denn AIG musste Sicherheiten in Milliardenhöhe stellen, sobald das Rating sich unter einen festgelegten Wert verschlechterte. So entstand eine absurde Situation. Gorton rechnete mit Modellen, die eines der größten Risiken nicht enthielten. Das AIG-Management verstand wenig von den Modellen, war aber stolz auf sie und zuversichtlich, auf der sicheren Seite zu sein. Ergebnis: die Katastrophe.

Mit Solvency II führt die EU endlich neue Verfahren für die Risikosteuerung ein. Das Problem: Viele Vorstände werden die Modelle nicht mehr verstehen. Auch nicht, ob sie tatsächlich alle Risiken abdecken. Das AIG-Schicksal ist eine Warnung. Wer als Vorstand Risikomodelle wie eine Blackbox fährt und nicht weiß, was im Inneren passiert, geht persönlich hohe Risiken ein. Ganz ohne Modell.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

E-Mail fromme.herbert@ftd.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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