Obama erfreut deutsche Konzerne

Spitzenmanager sehen positives Signal · Offener Dialog mit EU erwartet ·Chance für Umwelttechnik

Von Matthias Lambrecht

und Claus Hecking, Hamburg

Die deutsche Wirtschaft hofft mit dem Präsidentenwechsel in den USA auf eine wieder voll handlungsfähige Regierung in Washington, die enger mit der EU kooperiert. „Es ist gut, dass die Wahl so deutlich ausgefallen ist“, sagte Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Der BDI baut auf eine größere Dialogbereitschaft des neuen US-Präsidenten: „Europa und die USA müssen bestehende Handels- und Innovationsbarrieren weiter abbauen und ihre Standards gegenseitig anerkennen“, sagte Thumann.

Vor allem setzen die deutschen Topmanager mit dem historischen Wahlsieg Barack Obamas auf neue Impulse zur Bewältigung der drohenden Rezession. „Ich erhoffe mir einen positiven Stimmungswandel“, kommentierte Continental-Chef Thomas Neumann die Wahl. „Wichtig für uns ist, wie schnell es gelingt, die Finanz- und Wirtschaftskrise zu überwinden“, sagte Post-Chef Frank Appel.

Die optimistische Grundstimmung in den Konzernen überdeckte am Tag nach der Entscheidung die Skepsis gegenüber einzelnen politischen Ziele des demokratischen Kandidaten. „Es gibt große Zweifel an Obamas Bekenntnis zum Freihandel, und protektionistische Versuchungen sind immer stärker in Krisenzeiten“, warnte Marco Annunziata, Chefökonom der Bank Unicredit.

In den deutschen Wirtschaftsverbänden geht man aber derzeit davon aus, dass die Ankündigungen des Wahlkämpfers Obama zum Schutz von US-Arbeitsplätzen eher aufstrebende Länder wie Indien oder China treffen werden. In die bilateralen Gespräche zwischen den USA und Europa zum Abbau von Handelshemmnissen, etwa unterschiedlichen technischen Standards, könnte es sogar zu einer Annäherung kommen, erwartet der Delegierte der deutschen Wirtschaft in den USA, Bernhard Welschke. „Obama sucht die Partnerschaft mit Europa und insbesondere Deutschland. Er wird die Europäer in der Wirtschaftspolitik stärker fordern.“

Abzuwarten bleibt, ob Obama etwa an seiner Wahlkampfaussage festhält, ausländischen Investoren die Übernahme von US-Fluglinien zu erlauben. Hierüber laufen derzeit ebenfalls Verhandlungen zwischen den USA und der EU, denn die besser aufgestellten europäischen Gesellschaften wie etwa die Lufthansa kämen als Käufer durchaus infrage. „Es ist Zeit für einen Wandel“, so der Präsident des internationalen Branchenverbands IATA, Giovanni Bisignani. „Obama könnte hier eine signifikante Rolle spielen.“

Die Hersteller erneuerbarer Energietechnik zählen sich zu den Gewinnern des Regierungswechsels. Obama will den Anteil erneuerbaren Energiequellen an der US-Stromproduktion von derzeit acht Prozent bis 2025 auf 25 Prozent steigern. In diesen Bereichen sind deutsche Firmen wie der Solarzellenhersteller Q-Cells oftmals Weltmarktführer. Die Treibhausgasemissionen sollen bis 2050 um 80 Prozent sinken. Dafür müssen die Kraftwerke modernisiert werden – eine Chance für deutsche Anlagenbauer wie Siemens.

Die Autoindustrie will Obama mit Steueranreizen beim Kauf emissionsarmer Autos sowie verschärften Verbrauchsvorschriften zum Bau umweltverträglicherer Fahrzeuge bewegen. Die hiesigen Hersteller fürchten Wettbewerbsverzerrungen durch Subventionen. Christian Stürmer, Marktanalyst bei Global Insight, sieht in den verschärften Umweltauflagen aber auch Chancen für die deutsche Industrie: „Das nützt den europäischen Zulieferern, die sich in Sachen Energieeffizienz weitaus besser auskennen als die US-Anbieter.“

Die deutschen Pharmakonzerne fürchten dagegen um ihre lukrativen Geschäfte in den USA. Die Pläne von Barack Obama, die Krankenversicherung auszubauen, könnten die Gewinne der Branche schmälern. Analysten erwarten, dass die neue Regierung das Aushandeln günstigerer Medikamentenpreise gestattet. Nachahmerpräparate könnten damit an Bedeutung gewinnen.Mitarbeit: Herbert Fromme, Michael Gassmann, Reinhard Hönighaus, Leo Klimm, Angela Maier, Kristina SpilleR

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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