Von Bomhard warnt vor Folgen der Bilanzlockerungen

Chef der Münchener Rück befürchtet Wettbewerbsverzerrungen · Plädoyer fürNotwendigkeit der Gruppenaufsicht bei Eigenkapitalregeln

Von Herbert Fromme, München

D er Chef der Münchener Rückversicherung schlägt Alarm wegen der kürzlich in den USA und EU eingeführten Bilanzerleichterungen. „Ich fürchte, dass über die Bilanzierungsregeln jetzt der Wettbewerb neu definiert wird“, sagte Nikolaus von Bomhard, Chef des weltgrößten Rückversicherers, am Donnerstag. Gleichzeitig verlangte er von den Aufsichten Augenmaß bei Durchsetzung ihrer Vorschriften.

Von Bomhard warnte, dass in der globalen Konkurrenz von Rückversicherern aus verschiedenen Ländern derjenige gewinne, der unter den günstigsten Bilanzregeln arbeite: „Jetzt haben wir endlich eine Konvergenz der Rechnungslegung über den Atlantik hinweg, und da greifen alle Seiten munter ein.“

Angeführt von der US-Aufsicht SEC waren die Bilanzierungsregeln für Banken und Versicherer gelockert worden. Kurz darauf zog die EU nach. Nach den neuen Regeln, die bereits für die Ergebnisse des dritten Quartals greifen, dürfen Finanzdienstleister ihre Bilanzen durch Umbuchung von Wertpapierpositionen aus dem Handels- in den Anlagebestand entlasten.

Dem in der Krise gehörten Schwärmen über die Regeln des deutschen Handelsgesetzbuches (HGB), die bei Konzernen durch die International Financial Reporting Standards (IFRS) abgelöst wurden, könne er nichts abgewinnen. „Die HGB-Welt ist für alle die, die Risiken eingehen, das Intransparenteste, was man überhaupt nur haben kann.“ HGB sei eine „Einladung zur Fehlsteuerung“ von Unternehmen.

Auch die Münchener Rück würde gern einige IFRS-Regeln anders sehen. „Aber auch unter Reputationsgesichtspunkten sollte man jetzt nicht zu laut schreien“, sagte er. „Die Regeln waren bekannt. Jetzt wirken sie genauso, wie man erwarten konnte, und das Geschrei ist groß“, kritisierte von Bomhard.

Von den Aufsichtsbehörden forderte er Flexibilität beim Umsetzen der Vorschriften zu Versicherern in der Krise. Natürlich könne eine Aufsichtsbehörde in manchen Fällen aufgrund der vorgelegten Zahlen tätig werden. „Da kann man sagen, das Kapital reicht nicht, Punkt.“ Die andere Möglichkeit sei, zu fragen, welche Risiken abgedeckt würden und um welche Laufzeiten es gehe. „Dafür besteht Ermessensspielraum, und ich wünsche mir, dass die Aufsichtsbehörden in welchen Ländern auch immer etwas mehr Selbstwertgefühl bekommen.“

Der Münchener Rück-Chef sprach sich vehement für die Verabschiedung der neuen EU-Eigenkapitalregeln Solvency II aus. „Es wäre eine Katastrophe, wenn die Europäer Solvency II nicht durch die Tür kriegen“, sagte er. Dabei müsse auch die Gruppenaufsicht eingeführt werden. In der EU gibt es erheblichen Widerstand kleinerer Länder gegen die Gruppenaufsicht, bei der die Behörde im Heimatland einer Finanzgruppe die Aufsicht über alle Aktivitäten dieses Konzerns leitet.

Quelle: Financial Times Deutschland


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