Allianz sperrt Konkurrenten aus

Industrieversicherer des Konzerns lehnt Vorleistungen für die angeschlagenenRivalen AIG und XL ab

Von Herbert Fromme, Köln

Der Allianz-Konzern verstärkt den Druck auf angeschlagene Konkurrenten. Der weltweit agierende Industrieversicherer Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) geht nicht mehr in Vorleistung für den Wettbewerber XL, wenn es sich um langfristige Deckungen handelt. Das sagte AGCS-Vorstandschef Axel Theis im FTD-Interview. Theis sagte zudem, dass die AGCS von einer AG in eine sogenannte Societas Europeae (SE) umgebaut wird.

Industrieversicherer arbeiten bei großen Geschäften fast immer in Konsortien. Dabei geht der jeweils führende Versicherer in vielen Fällen in Vorleistung und holt sich das Geld später von den Konsortialpartnern wieder. Dieses Verfahren heißt „Fronting“. Sollte ein Partner aber zahlungsunfähig werden, bleibt der Führende auf den vorgestreckten Summen sitzen.

„Wir fronten für XL nicht mehr, wenn es um langfristige Risiken geht, das sogenannte Longtail-Geschäft“, sagte Theis. Beim US-Versicherer AIG, der nur durch mehr als 150 Mrd. $ Staatsgeld am Leben erhalten wird, gehe Allianz ebenfalls nicht mehr in Vorleistung. Ohne das Fronting durch Konsortialpartner wird es für Versicherer deutlich schwieriger, bestimmte große Risiken mitzuzeichnen.

Theis bestreitet, dass es sich um eine Waffe im Konkurrenzkampf handelt. „Das hat nichts mit Willkür zu tun“, sagte Theis. „Wir haben einen sehr objektiven Prozess der Beurteilung von Sicherheiten.“ Auch andere Wettbewerber verhielten sich ähnlich wie die Allianz. Der auf Bermuda beheimatete Versicherungskonzern XL Capital sei „überhaupt kein schlechtes Unternehmen“, sagte Theis. Die Probleme stammten wohl aus dem früheren Engagement in der Anleiheversicherung sowie dem sehr hohen Engagement in der Managerhaftpflichtversicherung in den USA.

Mit der Weigerung zu „fronten“ demonstriert der Industrieversicherer der Allianz erneut sein Selbstbewusstsein in der momentanen Finanzkrise. Erst Anfang Dezember hatte das Unternehmen zusammen mit dem Großmakler Aon eine Police auf den Markt gebracht, die Kunden gegen den Ausfall eines anderen Versicherers abdeckt.

Die Krise wirke sich auch bei der AGCS aus, aber in sehr überschaubarem Rahmen, sagte Theis. Das Unternehmen habe weniger als vier Prozent seiner Kapitalanlagen in Höhe von 7,5 Mrd. Euro in Aktien angelegt, der Abschreibungsbedarf für 2008 liege „unter einem Prozent“, also unter 75 Mio. Euro. Gleichzeitig könne man stille Reserven auflösen. „Wir machen nach wie vor Gewinne mit den Kapitalanlagen.“ Auch die Versicherungstechnik verlaufe positiv, die Schaden-Kosten-Quote für das volle Jahr werde voraussichtlich nur leicht über den 92,9 Prozent von den Beitragseinnahmen liegen, die AGCS für die ersten drei Quartale gemeldet hatte.

AGCS ist führender Versicherer bei den Managerhaftpflicht-Deckungen von Siemens und Hypo Real Estate, den sogenannten D&O-Verträgen. Die hohe Exponierung durch mögliche Ansprüche gegen frühere Vorstände beunruhige ihn überhaupt nicht, sagte Theis. „Das ist alles hoch rückversichert.“ Die AGCS habe ansonsten kaum Banken gedeckt, in den USA gar nicht.

Theis erwartet zudem steigende Preise in der Industrieversicherung. „In einzelnen Bereichen sehen wir das schon, zum Beispiel bei der Schiffskaskoversicherung oder mit zweistelligen Erhöhungen im Bereich Energie.“ In dieser Sparte werden unter anderem Ölplattformen versichert.

In der Feuerversicherung müsse man die Märkte differenziert sehen. „In London gibt es keine Preissenkungen mehr für Industrie-Feuerrisiken“ sagte er. In den USA dagegen gebe es widersprüchliche Entwicklungen. „AIG und XL sind bemüht, Risiken um jeden Preis zu halten.“

Den deutschen Markt hält Theis nach wie vor für sehr wettbewerbsintensiv. „Wir haben aber auch hier in dem einen oder anderen Fall Preiserhöhungen.“ Außerdem sei die Industrie heute eher bereit, Mitglieder desselben Versicherungskonsortiums je nach finanzieller Stärke und Serviceleistung unterschiedlich zu bezahlen – statt für alle dieselben Prämien. „Wir begrüßen das“, sagte Theis.

Seit zwei Jahren baut der Allianz-Konzern die AGCS um – erst durch die Fusion der beiden Industrie- und Transportspezialisten im Konzern, im zweiten Schritt durch die Umwandlung der AGCS von der alten Koordinationsstelle des globalen Geschäfts, das ansonsten bei den Allianz-Landesgesellschaften blieb, in einen eigenen Risikoträger mit entsprechenden Niederlassungen in den wichtigsten Märkten.

„Wir haben die Niederlassung in Italien eröffnet, und der Betriebsrat in Frankreich hat auch bereits zugestimmt“, sagte Theis. Bis 2010 sollen Niederlassungen in Spanien, Belgien und Holland folgen. „Wir werden die AGCS dann in eine Europa-AG, die SE, umwandeln“, sagte Theis. Damit folgt die Industrietochter der Konzernmutter, die seit 2006 als SE firmiert.

Das Unternehmen hat heute rund 2000 Mitarbeiter und erwartet für 2008 ein „leichtes Wachstum“ gegenüber den 2,8 Mrd. Euro Prämie des Jahres 2007. Im Jahr 2009 wird es allerdings durch eine Umorganisierung einen kräftigen Schub geben: Zum 1. Januar 2009 stößt die bisherige Transportabteilung der amerikanischen Allianz-Tochter Fireman’s Fund mit 500 Mitarbeitern zur AGCS und bildet den Kern der weltweit agierenden Seetransportversicherung, die auf mehr als 1 Mrd. $ Umsatz kommt. Neben New York hat die neue Spezialabteilung Büros in Toronto, Paris, Hamburg, London und Singapur. Chef ist der Amerikaner Art Moossmann.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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