Kreditversicherer ziehen Zügel an

Weil sie eine Pleitewelle fürchten, erhöhen die Kreditversicherer die Preise und verschärfen die Bedingungen. Das blockiert die Liquiditätsplanung vieler Firmen

VON Anja Krüger

und Herbert Fromme

Die Nachricht war für viele mittelständische Unternehmen ein Schock: Euler Hermes, eine Tochter der Allianz, versichert Lieferungen an Ford und General Motors nicht mehr. Damit signalisiert der Kreditversicherer, dass er kein Vertrauen mehr in die Zahlungsfähigkeit der beiden Autobauer hat. Die Zulieferer müssen nun fürchten, bei einem Zusammenbruch der Konzerne auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben.

Damit genau das nicht passiert, schließen Unternehmen sogenannte Kreditversicherungen ab. Sie sollen sicherstellen, dass Lieferanten nicht in Liquiditätsschwierigkeiten geraten. Ist ein Kunde zahlungsunfähig, begleicht der Versicherer die offene Rechnung. In der Regel muss der Lieferant einen Teil des Schadens selbst tragen. Bevor der Anbieter eine Police ausstellt, schaut er sich deshalb die Kunden des Lieferanten sehr genau an. Erscheint das Risiko zu groß, verweigert der Versicherer die Deckung oder gewährt nur bis zu einem bestimmten Limit Schutz, etwa bis zu 50 Prozent.

Wegen der Finanzkrise wird es nicht nur immer schwerer, einen Anbieter zu finden, der die eigenen Risiken absichert. Hinzu kommt, dass Kreditversicherer die Policen jederzeit kündigen können – nicht erst nach einem Schaden. Zeichnet sich wie momentan eine Krise und damit eine steigende Zahl der Pleiten ab, brauchen Firmen die Verträge mehr denn je – aber gerade dann ziehen sich die Anbieter zurück. Denn je mehr Insolvenzen es gibt, desto mehr müssen sie für Schäden zahlen.

Das wollen die Anbieter vermeiden, indem sie früh reagieren. „Sämtliche Versicherungssummen werden von den Anbietern einer Überprüfung unterzogen“, sagt Herbert Hartwig, geschäftsführender Gesellschafter des Kreditversicherungsmaklers Gossler, Gobert & Wolters. Das gilt für alle Anbieter des sehr übersichtlichen Markts: Euler Hermes, Atradius, Coface, Zurich und die R+V.

Vor allem Automobilzulieferer, die Textilindustrie, Stahlproduzenten oder Spediteure kämpfen derzeit um ihren Versicherungsschutz. Aber auch Branchen, die nicht von der Krise betroffen sind wie beispielsweise die Lebensmittelwirtschaft, sind betroffen. „Es gibt eine gewisse Dramatik im Markt“, sagt Hartwig.

Über Jahre sind die Preise für die Verträge gefallen. Das ist vorbei, die Preise steigen – nach Auffassung von Peter Ingenlath, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Kreditversicherers Atradius, aber nicht schnell genug. „Wir hätten gern, dass die Preise sich schneller nach oben bewegen, weil wir doch mit einem gewissen Pessimismus in die nächsten 18 bis 24 Monate blicken“, sagt er. „Und wir als Atradius werden sehr konsequent eine Politik verfolgen, die dazu führt, das unser Produkt wieder risikogerecht gepreist wird.“ Firmen aus krisenbedrohten Branchen müssen – je nach Schadenverlauf – mit Preissteigerungen von bis zu 100 Prozent rechnen, andere mit 10 Prozent.

Einen anderen Kurs fährt die Wiesbadener R+V, die zum Finanzverbund der Volks- und Raiffeisenbanken gehört. Sie hat weder flächendeckend die Preise angehoben, noch die Annahmepolitik verschärft. „Wir konzentrieren uns auf kleinere und mittlere Unternehmen“, sagt Rudolf Servatius, Chef des Bereichs Kreditversicherung bei der R+V. 60 Prozent der Kunden in der Kreditversicherung sind kleinere Bauunternehmer. Statt alle Kunden über einen Kamm zu scheren, setzt der Versicherer auf individuelle Maßnahmen. „Wir rufen unsere Kunden an, die zum Beispiel mit der Automobilindustrie zusammenarbeiten“, sagt er.

Euler Hermes, Atradius und Coface hätten zwar auch gern mehr Mittelstandskunden. Bislang haben sie aber eher größere Firmen im Bestand. Manche, die nun Schwierigkeiten mit ihren Anbietern haben, suchen nach Alternativen. „Natürlich klopfen diese Kunden auch bei uns an“, sagt Servatius. Diese Verträge prüft R+V genau. Erpicht auf diese Klientel ist der Versicherer nicht. Zwar will er in der Kreditversicherung wachsen. „Wir erschließen den Markt aber vor allem durch Neukunden, die noch keinen Vertrag hatten“, sagt er. Servatius erwartet, dass die Krise seine Zielgruppe in der zweiten Jahreshälfte 2009 erreichen wird. „Auch dann werden wir nicht flächendeckend reagieren, sondern immer individuell schauen“, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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