Rettung unerwünscht

Der kleine Versicherer German Assistance will an der großzügigen Vergabe vonStaatsgeldern für die Banken teilhaben. Das bringt die großen Konkurrenten inRage. Sie pfeifen den Minirivalen zurück

Herbert Fromme , Rolf Lebert

Coesfeld, Große Viehstraße 5 bis 7. Unter dieser Adresse residiert die Versicherungsgruppe German Assistance. Rund 6 Mio. Euro jährlich an Prämie nimmt das Unternehmen mit der Versicherung von Autogarantierisiken ein, der Gewinn ist mit 60 000 Euro im Jahr 2007 überschaubar. Dennoch spielte das Unternehmen in der Debatte um die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Versicherungswirtschaft in den vergangenen Wochen eine sehr große Rolle.

Denn Vorstand Hans Peter Graf hatte sich maßlos geärgert – darüber, wie Bund und Landesregierungen Milliarden an Bürgschaften und anderen Hilfen für die Banken bereitstellten. Als mittelständischer Versicherer könne man nie genug Eigenkapital haben, dachte sich Graf. Besondere Probleme hat das Unternehmen nicht, schon gar nicht aus der Finanzkrise. Dennoch stellte Graf eine Anfrage bei der Bundesregierung, wie denn auch sein Unternehmen in den Genuss der Staatsgelder kommen könne.

Nach Gründung des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) wurde die Anfrage an die zuständige Frankfurter Behörde weitergeleitet. Damit entwickelte sie ein Eigenleben. Wochenlang geisterte die Tatsache, dass ein erster, kleiner Versicherer einen Antrag auf Staatshilfe gestellt hatte, durch die Branche. Thomas Steffen, Versicherungschef der Finanzaufsicht BaFin, bezog sich in Vorträgen auf den Fall, ohne Namen zu nennen, und äußerte die Erwartung, dass weitere Gesellschaften folgen könnten.

Das war ein großes Ärgernis für die Assekuranz-Schwergewichte und für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Denn die offizielle Linie der Branche ist, dass die Krise die Versicherer im Gegensatz zu den Banken kaum betrifft, ja im Gegenteil die Lebensversicherung in solchen Zeiten ihre besondere Stabilität unter Beweis stellt.

Es hatte die Versicherer ohnehin geärgert, dass die Regierung ungefragt neben den Banken auch die Assekuranz als staatshilfeberechtigt in das entsprechende Gesetz geschrieben hatte. Da passte es erst recht nicht ins Bild, dass eine Gesellschaft auch noch nach Staatshilfe ruft, selbst wenn es sich um einen kleinen Versicherer handelt. Außerdem befürchteten der Verband und die tonangebenden großen Konzerne, dass der Antrag ein schlechtes Vorbild sein könnte. Denn bei einer ganzen Reihe von Gesellschaften klemmt es in der Tat als Folge der Finanzkrise, da ist die Aussicht auf Rettung durch den Sonderfonds tröstlich.

Der GDV fackelte nicht lange. Leitende Funktionäre riefen in Coesfeld an und baten Graf darum, die Anfrage zurückzuziehen. Sollte German Assistance Probleme haben, werde man andere Wege finden, um sie zu lösen. Hans Peter Graf gab nach.

Die weiße Weste der Versicherer ist, jedenfalls was die Staatshilfe angeht, nun wieder makellos. Damit hat die Branche zumindest vorerst das Problem möglicher Nachahmer und des damit verbundenen Imageschadens vom Tisch.

Nicht verhindern konnte sie, dass die Politik auch die Versicherer in die Haftung für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate nahm. Mit 2,3 Mrd. Euro musste sich die Branche an einem Rettungspaket für das Münchner Unternehmen beteiligen, 900 Mio. Euro als Liquiditätshilfe und 1,3 Mrd. Euro als Rückgarantie für eine Bundesbürgschaft. Die HRE ist einer der größten Emittenten von Pfandbriefen, in die Versicherer einen großen Teil ihrer festverzinslichen Anlagen investieren. Ein Kollaps der Bank, so argumentierte das Finanzministerium, hätte die Versicherer heftig getroffen, deshalb sei die Beteiligung gerechtfertigt. Nach diesem ersten, großteils unverschuldeten Sündenfall will die Branche um jeden Preis verhindern, in einem Atemzug mit Rettungspaketen, Staatshilfe und Ähnlichem genannt zu werden.

Ob sie damit durchkommt, wird sich im ersten Quartal 2009 zeigen. Denn bislang wissen die meisten Versicherer noch nicht, ob sich in ihren Anleiheportfolios nicht Problemfälle mit Unternehmens- und Bankanleihen verbergen, die erst mit den Jahresbilanzen dieser Firmen hochkommen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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