Showdown in Crailsheim

Mit rabiaten Methoden geht die Allianz gegen abtrünnigeVersicherungsvertreter vor. In der Provinz herrscht ein heftiger Kampf um dieKunden

Herbert Fromme

Friedrich H. ist alarmiert. „Das Thema ist wirklich ernst. Es geht um 3 Mio. Euro Bestand“, schreibt der Allianz-Manager in einer E-Mail vom 27. August 2008 an seinen Kollegen Rüdiger S. „Wir müssen hier alles unternehmen, um dem Makler (also den vier ehemaligen Generalvertretern) das Leben so schwer wie möglich zu machen. Bei der Sch. GmbH hat das prima geklappt.“

Der Grund seiner Sorge: In der fränkischen Kleinstadt Crailsheim haben vier etablierte Vertreter dem blauen Versicherungsriesen den Rücken gekehrt. Und es besteht die Gefahr, dass Tausende von Kunden folgen – für Andreas G., Allianz-Regionalchef Heilbronn, ein „Desaster“. Es müsse „alles zur Vermeidung einer massiven Bestandserosion getan werden“. Schließlich ist es den vier Jungunternehmern mit ihrer Maklerfirma V-Konzept innerhalb kurzer Zeit gelungen, zahlreiche Kunden aus der Allianz-Zeit zu gewinnen.

Ist dabei alles mit rechten Dingen zugegangen? Der Versicherer bezweifelt das. „Wir haben Strafanzeige wegen des Verdachts des Verrats von Geschäftsgeheimnissen gestellt“, so ein Sprecher. Adressdateien hätten den Weg zu V-Konzept gefunden, so der Vorwurf. Am Freitag hat die Staatsanwaltschaft Büro- und Privaträume der vier Gründer durchsucht.

Nun braucht ein Vertriebsmann in einer Stadt wie Crailsheim (33 000 Einwohner) nicht unbedingt eine Adressdatei, um seine Kunden zu finden. Vor allem dann nicht, wenn das Büro über Generationen besteht.

Doch die Allianz belässt es nicht bei der Anzeige: Kündigungen, die über V-Konzept hereinkommen, akzeptiert der Konzern einfach nicht. V-Konzept kündigt im Kundenauftrag Sachversicherungen wie Hausrat und Auto – versehen mit dem Hinweis: Kapitalbildende Versicherungen wie Lebenspolicen „werden nicht gekündigt“. Diese betreue künftig V-Konzept. Die eigenwillige Reaktion der Allianz: Sie notiert in zahlreichen Fällen die kapitalbildenden Verträge als gekündigt, die Sachversicherungen jedoch nicht. „Es ging um mehrjährige Verträge, die entsprechend mit Nachlass tarifiert sind“, so der Allianz-Sprecher. Die könnten nicht einfach gekündigt werden. Allerdings sind unter den fraglichen Verträgen auch Autopolicen, die grundsätzlich für ein Jahr abgeschlossen werden.

Offenbar gilt für Post aus Crailsheim bei der Allianz eine spezielle Behandlung: „Wir haben deshalb die Bitte an Sie, die Kündigungen in diesem speziellen Fall nicht direkt im ersten Schritt abzuwickeln, sondern zunächst abzulehnen“, schreibt Regionalmanager G. am 25. August an die Zentrale. Und dort stimmt Friedrich H. zu: „Das Wichtigste wäre für uns, erst einmal die Kündigungen zurückzuweisen. Die Kunden müssten dann klagen, was den Maklern nicht so einfach fallen wird.“

Ein Irrtum, wie sich herausgestellt hat. Die vier Makler klagen nun gegen die Allianz wegen unlauteren Wettbewerbs auf Unterlassung und Schadensersatz, der Streitwert liegt bei 100 000Euro. Ihre Münchner Anwältin Michaela Ferling: „Wir haben gute Aussichten auf Erfolg.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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