USA müssen AIG erneut retten

Versicherer vor Verlust von 60 Mrd. $ im Quartal und 100 Mrd. $ im Gesamtjahr· Rating-Herabstufung droht

Von Astrid Dörner

und Francesco Guerrera, New York,

und Herbert Fromme, Köln

Wegen des mutmaßlich größten Quartalsverlusts der US-Geschichte verhandelt die American International Group (AIG) mit der Regierung in Washington über eine erneute Änderung am staatlichen Rettungspaket. Bislang hat die Regierung bereits 152 Mrd. $ in den größten Versicherer des Landes, der im vierten Quartal 2008 rund 60 Mrd. $ verloren haben soll, gepumpt. Sie kontrolliert jetzt mehr als 80 Prozent des Unternehmens. Zum Teil ist die Hilfe gegen Vorzugsaktien gewährt worden, auf die AIG zehn Prozent Garantiedividende zahlen muss.

AIG-Chef Edward Liddy, auf dessen Ernennung Washington nach der ersten Rettungsaktion im September bestand, möchte einen Teil der Vorzugsaktien und der Darlehen in Stammaktien umwandeln, auf die keine garantierten Dividenden fällig sind. Im Gegenzug will AIG Tochterunternehmen oder Kapitalanlagen an die Regierung abgeben.

Der Konzern plant, die Einzelheiten der dritten Rettungsaktion spätestens Montag vorzulegen. Dann präsentiert AIG das Ergebnis für das vierte Quartal. US-Medien zufolge beläuft sich der Verlust auf 60 Mrd. $. Spitzenreiter ist bisher der Medienkonzern Time Warner, der 2002 in einem Quartal auf 54 Mrd. $ kam. Zusammen mit dem bereits gemeldeten Defizit von 38 Mrd. $ für die ersten neun Monate könnte AIG dann mit knapp 100 Mrd. $ Gesamtminus auch beim Jahresverlust einen Rekord aufstellen. In der öffentlichen Wahrnehmung hilft es AIG wenig, dass der größte Teil aus Buchverlusten besteht, die sich erst in den kommenden Jahren in Barabflüssen auswirken.

Die Aktie verlor gestern bis zu 28 Prozent auf 0,39 $. Vor Beginn der aktuellen Krise war das Papier mit 22 $ gehandelt worden, vor zwei Jahren noch mit 69 $.

Das Versicherungskerngeschäft, das bisher trotz der Krise vergleichsweise gesund blieb, leidet zunehmend. Bei Kunden wachsen die Zweifel an AIG als Geschäftspartner vor allem für Langfristrisiken, und viele Mitarbeiter verlassen trotz Halteprämien den Konzern. Erhält AIG keine weitere Hilfe von der Regierung, droht wegen des Verlustes eine erneute Herabstufung durch die Ratingagenturen. Dies könnte in rund 7 Mrd. $ an sofortigen Barabflüssen resultieren, weil AIG Geschäftspartnern aus der Anleiheversicherung dann Barsicherheiten stellen müsste.

Die Aussicht auf eine neuerliche Rettungsaktion ließ gestern Forderungen laut werden, AIG pleitegehen zu lassen. Christopher Whalen von der Analyse- und Beratungsgruppe Institutional Risk Analytics verlangte, AIG solle Gläubigerschutz beantragen – also das Insolvenzverfahren eröffnen. „Die Regierung erkauft sich gerade Zeit“, sagte Whalen. Am Ende aber müssten die Inhaber von AIG-Papieren doch zahlen. „Die Regierung ist gezwungen, operative Verluste zu subventionieren. Das kann sie nicht für immer machen, dazu hat sie gar nicht das Geld.“ Bislang haben sich aber sowohl US-Präsident Barack Obama als auch sein Vorgänger George Bush vehement gegen eine AIG-Insolvenz gewehrt. Der Hauptgrund: AIG deckt Kreditderivate im hohen Milliardenbereich ab. Ein Kollaps hätte schwerwiegende Folgen für Banken auf der ganzen Welt, fürchtet nicht nur die US-Notenbank. „Eine Insolvenz wird viele andere Institute mitreißen, auch Händler von Kreditderivaten wie Goldman Sachs“, sagte auch Analyst Whalen. Er sieht einen solchen Schritt dennoch als unausweichlich an. „Finanzminister Timothy Geithner hat versucht, seine Freunde bei Goldman zu schützen. Doch das wird er wahrscheinlich nicht mehr lange können.“

Der bekannte Versicherungsexperte David Schiff hält eine AIG-Insolvenz dagegen für unwahrscheinlich. „Die Regierung hat sich im September für eine Rettung entschieden, weil ein Kollaps unhaltbar gewesen wäre“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass sich das geändert hat und dass sie AIG fallen lassen, nachdem sie 150 Mrd. $ hineingesteckt haben.“

Die Regierung solle statt einer Insolvenz AIG lieber ganz übernehmen, verlangte Schiff. Das sei nicht die Lösung aller Probleme, aber es würde für eine gewisse Stabilität sorgen. Allerdings sollte sich die Regierung bei ihren Hilfen nicht unter Wert verkaufen. „Die Regierung sollte für ihre Beteiligung die gleichen Konditionen bekommen wie Warren Buffet, wenn er einsteigen würde.“

In Regierungskreisen wachsen Zweifel am Verkaufsprogramm von AIG. Durch die Abgabe von Töchtern außerhalb des Kerngebiets Industrieversicherung will der Konzern eigentlich Mittel gewinnen, um die Milliarden der Regierung zurückzahlen zu können. Von dem Ziel ist er sehr weit entfernt – bislang hat er nur 2,3 Mrd. $ eingenommen. Jetzt könnte es einen kleinen Fortschritt geben: Für die American Life Insurance, die in mehr als 50 Ländern aktiv ist, interessieren sich sowohl der US-Anbieter MetLife als auch Axa aus Paris. MetLife soll 11,2 Mrd. $ geboten haben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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