Allgemeine Verunsicherung

Der US-Versicherer AIG sollte gesunde Unternehmensteile wie dieIndustrieversicherung schleunigst abspalten. Bleiben sie unter Staatskontrolle,können sie kaum normal weiterarbeitenVon Herbert Fromme

V orstände und Aufsichtsräte europäischer Konzerne verfolgen die Vorgänge um die Boni für AIG-Manager genau: Der öffentliche Zorn über die Zahlungen von 165 Mio. $ an leitende Mitarbeiter des US-Versicherungskonzerns, der 180 Mrd. $ an Staatshilfe braucht, entlädt sich in Bustouren zu Privathäusern der Manager bis hin zu Morddrohungen. Der Kongress reagiert eilig mit einem Gesetzesvorschlag, der die Bonuszahlungen mit einer Steuer von 90 Prozent belegen würde.

Die Schlagzeilen um den Versicherer werfen die Frage auf, wie weit AIG im Kerngeschäft unabhängig weiterarbeiten kann – gerade im Bereich Managerhaftpflichtversicherung. In der sogenannten Director’s and Officer’s Liability Insurance (D&O) ist AIG weltweit Marktführer. Auch viele deutsche Manager sichern sich hier gegen Ansprüche ab, die sich aus eventuellen Fehlern im Berufsleben ergeben. Mit den Policen schützen Angestellte und Aufseher ihr Privatvermögen gegen potenziell ruinöse Forderungen von Dritten oder der eigenen Firma.

Übertrieben selbstbewusstes Auftreten

Durch die Rettung sind mehr als 80 Prozent von AIG in Staatsbesitz gekommen. Die US-Regierung handelte, weil AIG in großem Stil Kreditderivate abgesichert hatte. Wäre der Versicherer kollabiert, hätte das etliche Banken mit in den Abgrund gerissen. Mit dem Kerngeschäft Industrieversicherung hat der problematische Unternehmensteil dagegen wenig zu tun – außer dass er sich von der Versicherungsabteilung das sehr gute Rating ausgeborgt hatte und dass beide zum selben Konzern gehören.

Entsprechend selbstbewusst agieren die AIG-Versicherer, auch in Deutschland. Man habe mit dem maroden Teil nichts zu tun, AIG Europe in Paris sei gut kapitalisiert und werde in Frankreich beaufsichtigt. Auf Fragen nach der Sicherheit der Gesellschaft antworten AIG-Manager gern, dass die Kontrolle durch die US-Regierung doch wohl einem sehr guten „AAA“ gleichkomme. Das Insolvenzrisiko sei praktisch nicht vorhanden. Die Konkurrenz nimmt das Argument sehr übel, vor allem, wenn es einhergeht mit gesenkten Preisen, um verunsicherte Kunden zu halten.

Doch das Argument, AIG sei eigentlich eine ganz normale Versicherung, Probleme habe nur ein assekuranzferner Unternehmensteil, wird zunehmend löchriger. Dazu trägt der Aufruhr um die Boni maßgeblich bei. Großkunden aus der Industrie, vor allem aber die individuellen Manager, stellen sich die Frage, ob AIG bei D&O-Schäden im Ernstfall wirklich zahlen kann.

Als VW nach dem Lustreisenskandal 2006 Ansprüche gegen den damaligen Vorstand Peter Hartz stellte, zahlte AIG knapp 5 Mio. Euro und damit einen Teil des Schadens im Rahmen der D&O-Police des Konzerns, die auch Hartz absicherte. Der Versicherungsvertrag sorgte als „Puff-Police“ für Empörung. Würde AIG diesen Schaden heute noch zahlen und einen weiteren Aufschrei in den USA riskieren? Was ist mit D&O-Schäden, die durch Bestechungsvorwürfe und -skandale ausgelöst werden? Wie sehr muss sich die Gesellschaft da an die äußerst restriktive US-Gesetzgebung und -Rechtsprechung halten? Und wie weit muss das Unternehmen, das dem amerikanischen Staat gehört, Dokumente und Erkenntnisse aus der Schadenabwicklung an Staatsanwälte oder andere Behörden in den USA weitergeben?

AIG ist immer noch ein bedeutender Versicherer für die große Industrie. Kaum ein Rivale verfügt über ein ähnlich weitverzweigtes Netzwerk und Know-how. Versicherungseinkäufer zögern zudem gerade bei Haftpflichtdeckungen damit, den Anbieter leichtfertig zu wechseln – schließlich wurden bei ihm hohe Schadenreserven aufgebaut, die im Notfall dem Kunden zugutekommen.

Schwierige Verkäufe

Aber schon in den Vertragsverhandlungen für 2009 hatten die Einkäufer zunehmende Schwierigkeiten, ihren Vorgesetzten zu erklären, warum man sich ausgerechnet bei AIG versichern soll. Die Nachrichten der vergangenen Tage dürften die Skepsis in den Topetagen noch verstärken, gerade in der Managerhaftpflicht, bei der es um die Privatvermögen der Chefs geht.

Wenn die AIG-Versicherungstöchter die Turbulenzen überleben wollen, müssen sie sich deshalb schleunigst vom Gesamtkonzern trennen und einen neuen Eigner finden. Die ersten Schritte hat AIG-Chef Edward Liddy eingeleitet: Die Schaden- und Unfallversicherer wurden in einer separaten Holding zusammengefasst und arbeiten unter dem Namen American International Underwriters. Aber es wird nicht einfach sein, im heutigen Marktumfeld über Verkauf oder Börsengang für den Versicherungskoloss neue Besitzer zu gewinnen. Wird die Trennung weiter aufgeschoben, drohen den AIG-Versicherern noch ernstere Probleme.

Mit ihrer Reaktion auf den Volkszorn gegen die AIG-Boni mögen die US-Politiker die Gemüter etwas besänftigt haben, finanziell haben sie sich geschadet. Denn nach der Aktion sind die AIG-Versicherer nicht nur schwerer zu verkaufen, sondern auch weniger wert. Die Aussichten, dass Washington einen Teil der Milliarden wiedersieht, die an AIG geflossen sind, sind damit weiter geschrumpft.

E-Mail fromme.herbert@guj.de

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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