Versicherer uneins über Weg aus der Krise

Die Deutsche Assekuranz steht in der Finanzkrise derzeit deutlich besser da als die Banken oder die amerikanische Konkurrenz. Einschläge müssen die Deutschen dennoch fürchten

VON Herbert Fromme

und Anja Krüger

Die schlechten Nachrichten über Versicherer kommen zurzeit vor allem aus den USA. Mit 163 Mrd. $ muss die amerikanische Regierung den dortigen Marktführer American International Group (AIG) stützen, um den Kollaps des Unternehmens zu verhindern. AIG hatte sich mit der Absicherung von Kreditderivaten gewaltig verhoben. Stürzt AIG, hätte dies Folgen für das gesamte Bankensystem.

AIG ist nicht allein. Fast alle amerikanischen Lebensversicherer haben wegen der Kreditkrise mit dramatischem Abschreibungsbedarf auf ihre Kapitalanlagen zu kämpfen. Und die Krise trifft Versicherer nicht nur in den USA. Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re musste 9 Mrd. Franken auf Derivate abschreiben. Britische Versicherer melden Verluste oder starke Gewinneinbrüche.

Trotz der gespannten internationalen Lage gelingt es der deutschen Assekuranz, ihre Branche als Insel der Seligen darzustellen. Zwar hat Marktführer Allianz nach einem Rekordgewinn von 8 Mrd. Euro für 2007 fürs vergangene Jahr 2,4 Mrd. Euro Verlust gemeldet. Doch ist der vor allem der gerade verkauften Dresdner Bank mit ihrem Bestand an Hochrisikopapieren geschuldet. Auch die Münchener Rück muss einen Gewinneinbruch von 3,8 Mrd. Euro auf 1,5 Mrd. Euro hinnehmen. Aber immerhin war das Ergebnis positiv.

Die meisten deutschen Versicherer wollen um jeden Preis vermeiden, in den Sog der Finanzkrise gezogen zu werden. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen darüber, was geschehen soll, wenn ein Versicherer tatsächlich Probleme bekommt. „Die Branche muss sich in der Krise stärker als stabil profilieren“, argumentiert Friedrich Schubring-Giese, Chef der Versicherungskammer Bayern. „Wir sollten nicht so tun, als seien wir reicher geworden, aber zeigen, dass wir ein sehr stabiler Faktor sind.“ Sollte die Krise einen Versicherer ins Schleudern bringen, müsse die Branche ihn auffangen.

Das Buhwort für die Branche ist „Mannheimer“. Die Mannheimer Lebensversicherung ist 2002 der Kapitalmarktkrise zum Opfer gefallen. Damals gründete die Branche zwar die Gesellschaft Protektor, die den Bestand der Mannheimer übernahm, der Fall schadete den Versicherern dennoch sehr. Im Altersvorsorgegeschäft stehen sie im Wettbewerb mit den Banken. So etwas dürfe sich nicht wiederholen, betont Schubring-Giese. „Das darf nicht passieren, das wäre das Schlimmste, der GAU.“ Auch Robert Baresel vom Münsteraner Versicherer LVM warnt vor einem zweiten Fall Mannheimer. Transparenz sei wichtig, sagt Baresel, fordert aber: „Einen Problemfall geräuschlos aufzufangen würde ich begrüßen.“

Das Selbstbewusstsein der Branche zeigt sich auch in den Überschussbeteiligungen für das Jahr 2009. Im Schnitt senkten die Lebensversicherer den Zinssatz des Sparanteils nur wenig, von 4,34 Prozent auf 4,26 Prozent. Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard findet das angesichts der Krise unverständlich. „Ich habe mich über einige der Gewinnzusagen erheblich gewundert“, sagt er. „Wenn man das ökonomisch betrachtet, sollte es nur wenige Unternehmen geben, die solche Gewinnzusagen machen.“

Ohnehin machen Münchener Rück, Allianz und einige andere Große den Eindruck, dass sie die Mehrheitsmeinung der Branche – jeder Fußkranke muss gestützt werden – nicht teilen. Offen sprechen sie nicht darüber. „In der Krise werden die starken, gut geführten Gesellschaften natürlich ihren Marktanteil ausbauen, auf Kosten der schwächeren“, sagt ein Allianz-Manager.

Tatsächlich muss die Assekuranz noch erhebliche Belastungen befürchten. Die Rezession wird sich auf das Kerngeschäft auswirken: die Ab- sicherung von Gebäuden, Autos, In- dustrieanlagen oder Transporten. Die Umsätze werden sinken.

Turbulent wird es vor allem in der Lebensversicherung. Zwar haben die meisten Gesellschaften den Anteil der Aktien an ihren Kapitalanlagen deutlich gesenkt. Er dürfte jetzt unter acht Prozent liegen, davon ist das meiste auch noch gegen Kursverluste abgesichert. Die eigentlichen Proble- me erwarten Branchenkenner bei den festverzinslichen Papieren, die über 80 Prozent der Kapitalanlagen ausmachen. Viele Versicherer haben ihr Portfolio mit hochverzinslichen Produkten aufgepeppt, bei denen sie ein erhebliches Ausfallrisiko haben – etwa nachrangige Anleihen von Banken. Da investiert ein kleiner Krankenversicherer wie die Landeskrankenhilfe 200 Mio. Euro bei Lehman. Die deckt zwar der Einlagensicherungsfonds mithilfe der Regierung – obwohl er dazu bei institutionellen Anlegern nicht verpflichtet wäre. Aber diese Investition ist kein Einzelfall. Nicht umsonst haben sich die Versicherer an der Rettung der Hypo Real Estate beteiligt. Fiele diese Bank um, würde das eine Reihe von Versicherern in Schwierigkeiten bringen.

Ein weiteres, größeres Problem rollt auf die Branche zu: Die niedrigen Zinsen machen es für die Versicherer immer schwerer, die den Kunden garantierte Verzinsung zu verdienen, die im Schnitt etwa 3,3 Prozent beträgt. Verglichen mit den Schwierigkeiten, die in einer lange anhaltenden Niedrigzinsphase für Lebensversicherer entstehen, sind die aktuellen Ausfallrisiken klein.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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