Die Krise macht Hoffnung

Für die Kreditversicherer bietet das Konjunkturtief Aussicht auf mehr Geschäft. Doch die Kunden sind unzufrieden. Ihnen ist die Branche zu vorsichtig

VON Herbert Fromme

und Anja Krüger

Es ist ein gravierender Vorwurf: „Während die Banken ihre Kreditversorgung bestimmter Branchen einschränken, kürzen oder streichen die Warenkreditversicherer in diesen Industrien ihre Risikoübernahmen“, schreibt der mächtige Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung im März 2009 an die Kreditversicherer. „In der Folge verschlechtern sich die Risiken der betroffenen Unternehmen weiter, die Ratings verschlechtern sich – eine unheilvolle Spirale kommt in Gang“, beschwert sich der Verband. Er fordert „mehr Sorgfalt bei Bonitätsanalysen“.

Es dränge sich der Eindruck auf, dass auch die Kreditversicherer die Branchenzugehörigkeit in der Risikobewertung zu stark gewichteten, moniert Hauptgeschäftsführer Andreas Möhlenkamp.

Die Beschwerde der Stahlkocher zeigt das Dilemma, in dem die Kreditversicherer stecken. Sie decken ihre Kunden dagegen ab, dass deren Abnehmer wegen Insolvenz nicht zahlen können. Um Risiken zu minimieren, beobachten die Versicherer ständig Bonität und Zahlungsverhalten von Tausenden Firmen. Glauben sie, dass sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens A verschlechtert, kürzen sie ihren Kunden B und C das Deckungsvolumen, für das B und C mit Versicherungsschutz an A liefern können. Der Vorwurf an die Assekuranz: Die Kürzung verschlechtert die Lage von A erheblich.

„Wir sind nicht für die Wirtschaftskrise verantwortlich“, entgegnet darauf Gerd-Uwe Baden, Vorstandschef des größten deutschen Anbieters Euler Hermes. Das Hamburger Unternehmen ist Teil des Weltmarktführers Euler Hermes in Paris, der seinerseits zum Allianz-Konzern gehört. „Wir stehen am Ende der Kette“, sagt Baden. Erst komme es aufgrund der schlechteren Wirtschaftslage zu Einbrüchen bei den Unternehmen, dann würden die Banken restriktiver. „Wir reagieren auf eine solche Situation.“

Jeder stehe vor der Frage, ob ein Unternehmen in Konkurs gehe. „Dann wird kein Lieferant mehr liefern.“ Wenn der Kreditversicherer die Deckung reduziere oder zurückziehe, gebe er auch dem Kunden einen wertvollen Hinweis – schließlich sei der Lieferant bei Zahlungsausfall des Abnehmers über einen Selbstbehalt am Schaden beteiligt. Peter Ingenlath, Vorstandsmitglied des Weltmarktzweiten Atradius, teilt diese Haltung: „Wir sind ein Servicepartner von Firmen, die ihr Kreditmanagement outsourcen an den Kreditversicherer.“

Vorwürfe an die Branche kommen auch aus der Politik. „Wir sprechen regelmäßig mit den Ministerien“, sagt Ingenlath, der auch dem Kreditversicherungsausschuss im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft vorsteht. Baden nennt Zahlen: „Die Deckungssummen sind gegenüber dem Höchststand um rund fünf bis acht Prozent zurückgegangen“, erläutert er. „Ich finde das keine dramatische Verschlechterung.“ Auf den Vorwurf, Euler Hermes habe durch seine Politik das Ende einzelner Unternehmen wie Woolworth in Großbritannien beschleunigt, reagiert Baden empört. „Woolworth hat bei uns einen Schaden von 60 Mio. Euro verursacht“, sagt er. „Wir haben lange zu dem Risiko gestanden. Die Insolvenz hat uns sehr geschmerzt.“

Atradius-Manager Ingenlath wehrt sich gegen den Vorwurf, die Kreditversicherer beurteilten Risiken zu pauschal. „Wir haben keine Vorurteile gegen bestimmte Branchen, und es gibt kein Land, das von vornherein ausgeschlossen ist“, sagt er. „Wir machen professionelle Risikoprüfungen für jedes einzelne Unternehmen.“ Es gebe Firmen in starken Branchen, die schwächelten, und kräftige Unternehmen in Wirtschaftszweigen mit Problemen.

In der Krise ändert sich auch die Preisgestaltung der Kreditversicherer. Nach Jahren heftiger Konkurrenz und lukrativen Geschäfts steigen die Schäden. „Wir müssen einfach risikoadäquatere Prämien verlangen“, sagt Baden von Euler Hermes. „Wir erhöhen im Moment um 10 Prozent bis 20 Prozent bei vernünftigem Schadenverlauf.“ Das sei im Vergleich zu den Banken moderat. „Es gibt aber auch Risiken, da erleben wir Schadenquoten von 400 Prozent bis 500 Prozent der Beiträge.“ Hier könne man nicht alles über den Preis regeln, sondern müsse Selbstbehalte und andere Werkzeuge nutzen.

Baden will in der Krise den Marktanteil „nicht aggressiv ausbauen“. Euler Hermes wolle den Abschwung gut überstehen und den richtigen Zeitpunkt für kräftiges Wachstum abwarten. Ingenlath von Atradius bleibt bei der Einschätzung, dass die Kreditversicherer langfristig hohes Wachstum sehen werden. „Wenn die Krise vorbei ist, werden die Treiber, die bis Mitte 2008 das Wachstum der Weltwirtschaft bestimmt haben, immer noch da sein“, sagt er. „Dann gibt es immer noch Milliarden Menschen in China und Indien, die besser leben wollen.“ Aktuell sehe man in der Krise eine deutlich verstärkte Nachfrage.

Das bestätigt Marita Kraemer von der Zurich-Gruppe. „Wir haben den Eindruck, dass in der Krise Unternehmen, die bislang keine Kreditversicherung hatten, eher eine abschließen.“ Ähnlich sieht es der Versicherer R+V, der vor allem auf kleinere Firmen als Kunden zielt. „Wir haben zurzeit unglaubliche Chancen, eine gute Klientel zu bekommen“, sagt Rudolf Servatius, Bereichsleiter Banken und Kreditversicherungen bei der R+V. „Die Krise ist ein Treiber, wir spüren eine unglaubliche Nachfrage.“ Das Unternehmen gehört zum Verbund der Volks- und Raiffeisenbanken, die ihr wichtigster Vertriebsweg sind. „Die Banken erkennen, wie wichtig es ist, dass ihre Kunden ein gutes Risikomanagement betreiben“, berichtet er. „Sie führen mehr Gespräche mit ihren Kunden als früher über Kreditversicherung, sie drängen darauf, dass die Kunden eine abschließen.“ Servatius rechnet mit einem Neugeschäftswachstum von mehr als zehn Prozent. „75 Prozent unseres Neugeschäfts stammt von Kunden, die noch nie eine Kreditversicherung hatten“, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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