Die Pleite der anderen

Der Abschwung trifft Exporteure hart. Sie leiden nicht nur unter sinkenderNachfrage. Es wird auch schwieriger, Waren gegen Zahlungsausfall zu versichern

VON Anja Krüger

Die aktuelle Krise ist anders als ihre Vorgängerinnen: Sie breitet sich ungeheuer schnell aus, und sie trifft gleichzeitig die verschiedensten Branchen. Für Firmen aus vielen Wirtschaftszweigen besteht die Gefahr, auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben. Besonders exportorientierte Unternehmen müssen das zurzeit fürchten. Gerade für sie wird es aber schwerer, sich gegen Zahlungsausfälle mit einer Kreditversicherung zu schützen.

Die Anbieter dieser Policen versichern Lieferanten und Hersteller dagegen, dass ihre Kunden pleitegehen, und deshalb ihre Rechnung nicht zahlen. Geht es den Abnehmern ihrer Kunden nicht gut, werden die Kreditversicherer skeptisch. Sie übernehmen das Risiko gar nicht oder reduzieren ihre Deckungssumme. „Jeder Kaufmann würde einem Kunden nur dann Kredit geben, wenn er von dessen Zahlungsfähigkeit überzeugt ist“, sagt Peter Ingenlath, Vize-Chef und Chief Risk Officer des Kreditversicherers Atradius.

Obwohl Lieferanten von der guten Risikoprüfung der Anbieter profitieren, weil sie in der Regel bei einem Zahlungsausfall trotz Versicherung einen Teil des Schadens selbst tragen müssen, sind sie über das zunehmend restriktive Zeichnungsverhalten nicht begeistert. „Viele Unternehmen beschweren sich, weil die Kreditversicherer ihren Schutz zurückfahren“, sagt Carlo Ries vom Versicherungsmakler Südvers. Im Oktober haben Versicherer auf breiter Front die sogenannten Limite gekürzt, das heißt, sie haben die Deckungssummen gesenkt, die sie im Schadenfall übernehmen. Waren sie zum Beispiel früher dazu bereit, bei der Pleite eines Abnehmers 75 Prozent der offenen Rechnung zu übernehmen, wollen sie heute je nach Lage nur noch 25 Prozent oder 50 Prozent tragen. „Die nächste Streichungswelle wird im Sommer kommen“, glaubt Ries.

Schwer Versicherungsschutz bekommen Firmen, deren Kunden aus der Auto-, Stahl-, IT-, Textil- und Speditionsbranche oder dem Maschinen- und Anlagenbau stammen. Die Kreditversicherer bestreiten, dass sie ganze Wirtschaftszweige per se aus dem Versicherungsschutz ausschließen. Man prüfe immer den Einzelfall, heißt es bei den Anbietern.

Noch hat die Krise in Deutschland nicht voll durchgeschlagen. „Zurzeit entstehen Schäden für die Kreditversicherer überwiegend im Ausland“, sagt Ries. In den USA, Großbritannien und anderen wichtigen Exportmärkten ist die Zahl der Firmenpleiten stark gestiegen, die Prognosen sind düster. Das macht es für Exporteure wie Maschinen- und Anlagenbauer schwer, ihre Lieferungen gegen Zahlungsunfähigkeit abzusichern. „Besonders problematisch ist das für Länder, über die nur schwer Informationen zu bekommen sind“, sagt Ries. Das gilt etwa für Polen, Ungarn oder Kroatien.

„Es gibt Länder, in denen wir Limite sehr stark zurückfahren“, bestätigt Marita Kraemer vom Kreditversicherer Zurich. Kritisch sehen die Risikoprüfer Lieferungen an osteuropäische Länder wie Rumänien, die Ukraine, baltische Staaten sowie Island. „Bei Lieferungen in diese Länder schauen wir ganz genau hin.“

Manche Exporteure bekommen keine Absicherung. „Es gibt Risikoklassen, die wir nicht mehr decken können“, sagt Ulrich Nöthel, Risikodirektor bei Euler Hermes Deutschland. „In der Ukraine zeichnen wir nur noch sehr ausgewählt Risiken, weil der Währungsverfall es für etliche Unternehmen schwer macht, die Rechnungen der deutschen Exporteure zu bezahlen“, sagt er. Schwieriger ist auch der Schutz von Geschäften mit Firmen in Russland, Weißrussland oder der Türkei. Lieferanten und Kreditversicherer fürchten, dass Staaten als Reaktion auf die Wirtschaftskrise ihre Währung abwerten. „Das Währungsrisiko ist das Ende der Kette“, sagt Nöthel. „Es ist gefährlich, weil es so schnell wirkt.“ Bei einer Währungsabwertung können sich Lieferungen aus dem Ausland von jetzt auf gleich so stark verteuern, dass der Importeur die Rechnung nicht mehr zahlen kann. Bei Exporten innerhalb der Euro-Zone droht dieses Risiko immerhin nicht.

Keine Police zu bekommen kann für Firmen existenzgefährdend sein. Oft verlangen Banken den Abschluss, bevor sie dringend erforderliche Kredite gewähren. „Unternehmen, die nicht gegen Vorkasse liefern können, geraten dann in die Zwickmühle“, sagt Makler Ries. In so einem Fall rät er Firmen, nach Möglichkeiten zu suchen, die eigene Liquidität zu verbessern. Das können sie etwa durch Leasing oder Factoring, den Verkauf offener Rechnungen, erreichen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit