Pensionslasten erschweren Verkauf von Opel

Autohersteller hat Verpflichtungen für Betriebsrenten in Höhe von knapp 4Mrd. Euro · Schlüsselrolle für Pensions-Sicherungs-Verein · GM bereitetInsolvenz vor

Von Sven Clausen, Kristina Spiller, Hamburg, und Anja Krüger, Köln

Ein möglicher Einstieg eines Investors beim notleidenden Autohersteller Opel wird durch eine Zusatzlast erschwert. Nach FTD-Informationen drücken den Konzern Pensionsverpflichtungen in Höhe von knapp 4 Mrd. Euro. „Das ist eine hohe Zahl und ein potenzielles Problem“, sagte ein Teilnehmer der Gespräche um die Zukunft des Unternehmens.

Die Investorensuche gestaltet sich angesichts zahlreicher offener Rechtsfragen im Verhältnis zur Opel-Mutter General Motors ohnehin schon schwierig. In dieser Woche hatte sich mit dem Scheichtum Abu Dhabi erstmals ein Interessent zu erkennen gegeben. Nach FTD-Informationen sind zudem auch Finanzinvestoren und andere Autohersteller interessiert. Derzeit wird der Verkauf eines Anteils von mehr als 50 Prozent diskutiert, der Mutterkonzern GM solle eine Minderheitsposition behalten. GM-Europachef Carl-Peter Forster hatte unlängst eine Pleite von Opel als wahrscheinlich bezeichnet, wenn nicht bis zum Frühsommer frisches Geld bereitgestellt wird. Opel benötige 3,3 Mrd. Euro . Berlin hat bereits eine Staatsbürgschaft in Aussicht gestellt, sollte ein Investor gefunden werden.

Die Arbeitsverträge mit alten und aktuellen Opel-Mitarbeitern verpflichten jeden Eigentümer zur Auszahlung der Betriebsrenten. Er muss dafür Rückstellungen bilden, was wiederum die Dividende und damit die Attraktivität eines Investments zusammenschnurren lässt und die finanzielle Belastbarkeit des Unternehmens mindert. Opel hat rund 20 000 aktive Mitarbeiter mit Pensionsansprüchen sowie etwa 40 000 Pensionäre.

Eine Schlüsselrolle könnte daher dem Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) zukommen. Die Organisation mit Sitz in Köln und 166 Mitarbeitern ist eine Art Selbsthilfeeinrichtung der deutschen Wirtschaft: Rund 73 000 Unternehmen sind Mitglied. Sie zahlen jährlich einen Beitrag, damit die Betriebsrente sicher ist. Fällt der Arbeitgeber aus, weil er pleitegegangen ist, springt der PSV ein. Bei Opel hat Ansprüche an den PSV, wer fünf Jahre im Unternehmen gearbeitet hat und in die betriebliche Altersversorgung eingezahlt hat sowie mindestens 35 Jahre alt ist.

Der PSV sitzt deswegen immer mit am Tisch, wenn Unternehmen von der Insolvenz bedroht sind, über eine Umschuldung diskutieren oder mit einem Investor verhandeln, der die Pleite abwenden soll – so wie jetzt im Fall Opel. Häufig muss dann der PSV, ähnlich wie die Banken bei ihren ausstehenden Krediten, einen Teil der Pensionsverpflichtungen übernehmen, um dem Investor den Einstieg schmackhaft zu machen und so das Unternehmen vor der Pleite zu retten. Schließlich wäre dann die eigene Belastung – und vor allem die der Mitglieder – meist sehr viel höher.

Der PSV ist angesichts der Pleitegefahr für viele deutsche Firmen derzeit ohnehin im Dauereinsatz und hat deswegen ein großes Interesse, eine Insolvenz von Opel zu verhindern. Bei einer Opel-Pleite kämen auf den Verein die größten Belastungen seiner Geschichte zu. Der bislang größte Einzelschaden, den der PSV verkraften musste, war 1982 mit 1 Mrd. DM die Pleite von AEG. PSV-Chef Martin Hoppenrath hält sein System aber für stressresistent: „Die Funktionsfähigkeit der Insolvenzsicherung ist nicht gefährdet“, sagte er der FTD.

Das höchste Gesamtschadenvolumen lag 2002 bei knapp 1,5 Mrd. Euro und 705 Schadenfällen, 2007 betrug das Schadenvolumen 943 Mio. Euro bei 426 sogenannten Sicherungsfällen. Bei einer Rekordlast wie der von Opel müssten die 73 000 Mitgliedsunternehmen mit einer saftigen Beitragserhöhung rechnen. Hoppenrath wollte dazu keine Prognose abgeben. Das hänge von der weiteren Insolvenzentwicklung ab, sagte er. Derzeit liegt der Satz bei 1,8 Promille des Kapitalwerts der Betriebsrenten, auf die Arbeitnehmer eines Unternehmens einen Anspruch haben.

Unterdessen hieß es gestern, dass GM bereits eine mögliche Insolvenz vorbereite. Konzernchef Fritz Henderson hatte betont, eine außergerichtliche Sanierung zu bevorzugen, schloss aber im Notfall auch eine Insolvenz nicht aus. Dem Konzern bleiben 60 Tage Zeit, um der US-Regierung einen verschärften Sanierungsplan vorzulegen, um die überlebenswichtigen weiteren Staatshilfen zu erhalten. Eine Insolvenz von GM ziehe nicht automatisch eine Insolvenz von Opel nach sich, betonte ein Sprecher. Denn die Unternehmen seien rechtlich eigenständige Einheiten. Nach Angaben des zuständigen Amtsgerichts in Darmstadt bereitet sich das Unternehmen auch nicht auf eine Insolvenz vor. Opel habe vorerst genügend Liquidität, um etwa Löhne und Zulieferer zu bezahlen, hatte auch Betriebsratschef Klaus Franz kürzlich betont.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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